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Leben wie Gottschalk in Frankreich...von Gabriele Monjau |
...ist nicht immer nur genussvoll. Eine Ode an die Freude kann der 26-jährige Christoph Gottschalk aber trotzdem singen. Sein neuer Job seit 1. Juni 2003: Berater des französischen Premierministers. Seine Büro-Adresse: Hôtel de Matignon, Paris. Sein Chef: Jean-Pierre Raffarin. Und die Liebe ist in Paris natürlich auch im Spiel: Für Christoph Gottschalk heißt sie Europa. Der karriereführer war neugierig auf den ehemaligen Politikstudenten, der als erster Deutscher ein Amt im französischen Kabinett bekleidet.
Raffarin beruft Sie nach Paris – Wie muss man sich das vorstellen? Wie wurde er auf Sie aufmerksam?
Im Januar hatte der Premierminister verkündet, dass er einen deutschen Berater in sein Kabinett aufnehmen möchte. Lange dachte man an jemand Bekanntes oder Erfahrenes, bis es im April hieß, Raffarin suche explizit einen jungen Menschen.
Durch meine Arbeit beim deutsch-französischen Jugendwerk und beim europäischen Jugendparlament hatte ich zuvor Mitglieder des Kabinetts kennen gelernt. Und die haben sich dann bei mir gemeldet, weil mein Profil auf die gesuchte Person passte. Ich habe mich also nicht beworben, wurde aber trotzdem zu einem Interview eingeladen.
Das heißt, Sie hatten ein richtiges Vorstellungsgespräch?
Ja klar, das war ein ganz normales Auswahlverfahren. Das war nichts von wegen: Einmal Lebenslauf gecheckt und drin. Ich war der Letzte von mehreren Bewerbern, die zu einem Gespräch eingeladen waren. So wie das immer dargestellt wird, dass ich einen Anruf bekam und den Job hatte – das ist totaler Blödsinn.
An einem Tag hatte ich dann drei Interviews. Ein diplomatischer Berater Raffarins sprach mit mir unter anderem über meine Vorstellungen zu den deutsch-französischen Beziehungen und über meine Ideen für den Posten. Noch am gleichen Tag kam dann die Entscheidung.
Sie sprechen fließend Französisch?
Ja, schon. (lacht) Aber das kann sich wirklich bei weitem noch verbessern.
Ihr Politikstudium in Berlin haben Sie jetzt erst einmal abgebrochen. Wie haben Sie diese Entscheidung abgewogen?
Das war eine Chance, die man einfach nicht ausschlägt. Als ich mit dem Politikwissenschaftsstudium anfing, habe ich die ganz grundsätzliche Entscheidung gefällt, dass ich nebenher immer arbeiten oder mich engagieren möchte.
Dabei war die Prioritätensetzung aber immer so, dass ich wissen musste, was ich tue, warum ich es tue, was ich dabei lerne, sodass ich es auf seine Anwendbarkeit herunterbrechen konnte. Und das ist auch immer noch so.
Das hat aber nichts damit zu tun, dass mir das Studium jemals egal gewesen wäre. Die viele Arbeit nebenher und die Entscheidung für Paris – das ist keine Entscheidung gegen das Studium. Es ist eher so, dass hier die Erfahrungen, die ich vorher beim Arbeiten gesammelt habe, als eine Bereicherung gewertet werden.
Kommen Sie dann irgendwann nach Deutschland zurück und beenden Ihr Studium?
Ob es Deutschland wird, weiß ich noch nicht. Ich möchte immer noch promovieren. Wissenschaft ist etwas, was ich sehr ernst nehme. Es kam jetzt gerade anders, und ich finde, dann muss man so flexibel sein und sagen: „O.k. dann plane ich den Lebenslauf eben anders“. Mir haben „krumme“ Lebensläufe schon immer gefallen, also wird meiner auch kurvenreich. Ich kann zurückzukommen oder auch irgendwo anders hingehen, in Frankreich bleiben oder nach Amerika gehen und das Studium dort beenden. Das sehe ich persönlich ganz relaxed.
Haben Sie gewusst, was Sie in Paris erwartet?
Ich wusste, dass ich einen Posten besetzen werde, den es noch nie gab. Das heißt: Ich wusste überhaupt nicht, was mich erwartet. Und das konnte mir auch vorher keiner sagen.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Es gibt ab und zu Tage, die ein bisschen anders ablaufen, als gedacht, aber üblicherweise besteht ein Teil des Tages nur aus Informationsaufnahme. Das bedeutet, irrsinnig viel zu lesen: französische Zeitungen, die einschlägigen deutschen Zeitungen...
Dann finden sehr häufig interne Meetings statt: Mit verschiedenen Ministerien oder in Expertenanhörungen werden Ideen, Vorgehensweisen, Erfahrungen zu verschiedenen Themen ausgetauscht und besprochen. Auch trifft man sich einzeln im Kabinett, um bestimmte Dinge zu besprechen. Das heißt für jeden Einzelnen, viele „Rendez-vous“ zu machen, um Kontakte zu knüpfen und Themen, die dem Premierminister wichtig sind, auf den Weg zu bringen. Bei mir ist der Arbeitsalltag immer noch davon bestimmt, mich vorzustellen und Leute kennen zu lernen.
Welche Arbeitstage sind besonders außergewöhnlich?
Immer sehr außergewöhnlich sind die Tage, an denen ich ganz direkt mit dem Premierminister zu tun habe oder für ihn ein Dossier mitbetreue. Das sind besonders interessante und manchmal aufregende Tage, keine Frage.
Vermissen Sie das Studentenleben?
Nein, einfach deshalb nicht, weil ich ja auch vorher schon viel gearbeitet hatte. Der Druck, den ich jetzt erlebe, ist natürlich ein ganz anderer. Hier muss ich funktionieren und Situationen aushalten, die ich vorher schlicht und ergreifend nicht hatte.
Und jetzt habe ich andere Rahmenverpflichtungen, bin weniger flexibel. Ein Anruf und es ist klar, dass ich nicht am nächsten Tag wie geplant nach Berlin fahren kann, weil dieses Meeting oder jene dringende Angelegenheit ansteht.
Aber das finde ich nicht schlimm. Wenn ich auf Gleichaltrige schaue, die gerade in den Beruf eingestiegen sind, die arbeiten genauso viel. Die kommen vollkommen fertig nach Hause und haben auch keine Zeit mehr, ihre Freunde unter der Woche zu sehen. Außerdem merke ich, dass man sich diese Freiräume schon schaffen kann, wenn man will.
Wie finden Sie das Leben in Paris?Ist es anders als Berlin?
Es gefällt mir total gut hier. Aber ich finde, Berlin und Paris kann man nicht vergleichen. Beide sind sehr unterschiedlich. Paris ist für mich der Inbegriff der klassischen Schönheit, die man überall findet.
Von Berlin kann ich das nicht behaupten, das ist eine vollkommen andere Form von Schönheit. Berlin ist leerer, man hat viel Platz und die Leute sind gelassener. Die Straßen in Paris sind voll gestopft mit gestressten Menschen. Dabei ist Berlin verhältnismäßig billig, man kann als Student gut dort leben. In Paris hat man sogar als Gutverdiener Probleme, zurecht zu kommen. Das sind komplette Gegensätze. Beide haben etwas für sich und für beide kann ich mich begeistern.
Sie beschäftigen dich schon lange mit dem Thema Europa. Was war der Auslöser für dein Engagement?
In der elften Klasse fing ich an, mich für das europäische Jugendparlament zu engagieren. Ich fand es faszinierend, mit so vielen Menschen aus anderen Ländern und verschiedenen Kulturen zu tun zu haben, immer wieder neu seinen Standpunkt zu entwickeln und die eigenen Wahrheiten zu relativieren. Dabei sind viele Freundschaften entstanden. Für mich war es also auch ein ganz persönlicher Zugang zu Europa, nicht nur der theoretisch-politische.
Ich merkte: Hier findet echte Begegnung statt, die stellt was mit mir an, die erzeugt einen Spirit, den ich im rein nationalstaatlichen Rahmen schlicht und ergreifend nicht haben kann. Das hat mich immer fasziniert, und das wird jetzt durch mein Amt quasi auf die Spitze getrieben. Man muss sich das vorstellen: Ich arbeite als Ausländer für die Interessen eines anderen Nationalstaates, das ist Wahnsinn!
Gibt es etwas Konkretes, das Sie sich für Europa wünschen?
Ja, dass es bald selbstverständlich sein wird, eine europäische Verfassung in der Hand zu haben. Es sollte ein kurzes, klares, leicht verständliches Dokument sein, das jede EU-Bürgerin, jeder EU-Bürger in der Jackentasche mit sich führen kann. Das ist mein Wunsch.
Fühlen Sie sich als Kronberger, Hesse, Deutscher, Europäer?
Gute Frage. (lacht) Also zuerst einmal bin ich Kronberger, ja. ... Nein, ich bin Kronberger und Hesse. Die regionale Identität steht für mich an erster Stelle, weil sich die Menschen aus den verschiedenen Regionen in Deutschland doch ganz erheblich in ihrer Mentalität unterscheiden. Dann käme bei mir das Europäersein. Und dann das Deutsche. Aber ich bin alles drei wirklich total gerne. Und das eine schließt das andere ja auch nicht aus.
Was heißt es für Sie, Europäer zu sein?
Europäer zu sein, heißt für mich eine große Form von Offenheit. Es heißt die Akzeptanz von Vielfalt und es bedeutet die Bereitschaft, auch in Gedanken flexibel zu bleiben. Es ist eine multiple Identität, die sich immer wieder erweitern können muss, die neugierig ist und die eigene Nationalität nicht einschränkt. Europäersein bedeutet aber auch, den Zweifel in gewissem Maße zu kultivieren. Europäer haben ein hohes kritisches Potenzial.
Ein Porträt in der „Welt“ bezeichnete Sie als Neu-Denker. Inwiefern charakterisiert Sie dieser Begriff?
Wenn man sich meinen Lebenslauf ansieht, wird klar, dass ich viele Dinge gemacht habe, die rein gar nichts mit Politik zu tun haben. Ich habe lange Musik gemacht – Bass gespielt in einer Funk-Band – damit habe ich eigentlich weitaus mehr Zeit verbracht als mit Europa-Angelegenheiten. (lacht) Dann habe ich an der Deutschen Oper in Berlin gearbeitet, einen Kulturverein gegründet, lauter Dinge jenseits der Politik, die bestehende Strukturen sogar aufbrechen.
Das ist es, was mich immer fasziniert hat: Ich möchte gerne mit anderen Menschen zusammen neue Strukturen schaffen, um neue Perspektiven zu gewinnen. Deshalb habe ich relativ viele Projekte auf die Beine gestellt, mit Menschen zusammengearbeitet, die Lust hatten, etwas Neues zu machen, ohne auf Bestehendes zurückzugreifen. Ich glaube, wenn man so agiert, dann bewegt man sich immer auf einem Pfad, wo das Neu-Denken, das unkonventionelle Denken überhaupt erst möglich wird. Und umgekehrt: Alte Strukturen zu verlassen, erfordert zunächst, Dinge neu zu denken.
Und das war für das Auswahlverfahren zu Ihrem jetzigen Amt ein entscheidender Faktor?
Scheinbar war es interessant. Was ich an der Entscheidung des Premierministers so toll finde – jenseits meiner Person –, ist die Überlegung, diesen Posten erst neu zu schaffen und dann mit jemandem zu besetzen, der eben nicht aus den bestehenden politischen Strukturen stammt. Schließlich ist der Premierminister Teil dieser riesigen politischen Struktur hier in Frankreich. Das zeugt von einer unglaublich großen Offenheit; davon können sich viele eine Scheibe abschneiden.
Wie sind Sie mit dem plötzlichen Presserummel als „politischer Shooting-Star“ umgegangen?
Ja, das war schon ganz neu. (atmet tief durch) Ich versuche immer noch irgendwie damit zurecht zu kommen, mich daran zu gewöhnen. Es ist schon ein ziemlich heftiger Bruch: Ein vollkommen neuer Job, ein ganz anderes Umfeld.
Was ist besonders gewöhnungsbedürftig?
Vor allem in seinem Umfeld immer der Jüngste zu sein, ist eine völlig neue Erfahrung. Es ist nicht einfach, sich permanent beweisen zu müssen und die vielen kritischen Blicke auszuhalten. Und dazu dann noch der ganze Presserummel, der interessanterweise gar nicht abreißt, sondern eher zunimmt. Aber das Ganze ist schon sehr, sehr spannend.
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Haben Sie eine Idee?
Nein, ich habe keinen festen Plan. Ich habe auch noch kein Ziel, von dem ich sagen würde: „Da will ich hin.“ Das, was ich jetzt mache, kam ja auch so überraschend und zeigt, dass man gewisse Dinge einfach nicht planen kann. Aber ich glaube, ich werde auch in fünf Jahren noch mit Europa zu tun haben.
Das Interview führte Gabriele Monjau.
Datum: 28.01.2004












