Top-Manager
30.04.2008
Dr. Bettina Anders |
Der Blick auf den Rhein und den Düsseldorfer Fernsehturm ist fantastisch. Aber Dr. Bettina Anders hat vorsorglich die Jalousien an den bodentiefen Fensterfronten heruntergelassen. Nichts soll ihre Konzentration stören – weder die Aussicht noch die Sonnenstrahlen, die ihr Büro zu jeder Jahreszeit aufheizen. Interviewerin Prem Lata Gupta darf Platz nehmen, wo sie will. „Ich sitze vor kopf“, bestimmt Bettina Anders. Dafür rückt sie eigenhändig ihren Schreibtisch-Sessel an das schmale Ende des Konferenztisches.
Zur Person Dr. Bettina Anders
Dr. Bettina Anders, 47, studierte Geografie und Mathematik in Münster, bevor sie
die Promotion zum Dr. rer. nat. absolvierte. Nach zwei Jahren als Leiterin des Studienzentrums
der FernUniversität Hagen stieg sie bei den Victoria Versicherungsgesellschaften
ein. 2000 wurde sie Mitglied der Geschäftsführung der ITERGO Informationstechnologie
GmbH, dem IT-Dienstleister der ERGO Versicherungsgruppe, unter
deren Dach sich große Versicherungsunternehmen wie die Victoria, Hamburg-Mannheimer,
DKV und D.A.S. befinden. Im Oktober 2007 wurde sie zum Mitglied des Vorstands
der ERGO Versicherungsgruppe AG und ist dort verantwortlich für Kundenservice,
Betriebsorganisation und IT.
Frau Dr. Anders, seit Oktober sind Sie Mitglied des
Vorstandes der ERGO Versicherungsgruppe. Lässt sich
solch eine Laufbahn planen?
Nicht planen, aber aktiv mitgestalten. Das ist auch
mein Rat an Nachwuchsführungskräfte: Nicht nur die
Leistung und der Anspruch an sich selbst zählt,
sondern man muss den Anspruch, führen zu wollen,
offen formulieren und nach außen tragen.
Haben Sie das ebenso gemacht?
Ich denke schon. Mir ist nie eine Position oder
eine Funktion angetragen worden, die ich nicht
haben wollte. Aber das Ganze gilt auch umgekehrt ...
Inwiefern?
Auch wenn ein Vorgesetzter bei seinen Mitarbeitern Potenziale sieht –
man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Karriere kann nicht in den Schoß
gelegt, sondern muss gewollt werden. Sonst lässt sich zu wenig abrufen, was in
Top-Management-Positionen gebraucht wird. Wie etwa ein hohes Maß an Disziplin.
Was war der entscheidende Kick in Ihrem Leben?
Es passierte, als ich ein Studienzentrum
der Fernuniversität Hagen aufgebaut habe. Es war der Tag nach dem
Mauerfall, ich saß mit Studenten zusammen und
sagte: „Wir müssten eigentlich dort sein. In Berlin.“
Da stand für mich fest, dass ich am Puls der Zeit
sein wollte. Da, wo Dinge wirklich passieren und
bewegt werden. In diese Phase fiel auch meine Entscheidung,
in die Wirtschaft gehen zu wollen.
Sie haben bei der Victoria in der Anwendungsentwicklung
angefangen und haben auch als Assistentin
eines Vorstands gearbeitet. Was war Ihre Motivation
dazu?
Ich bin in das Unternehmen gegangen,
als ich merkte, was man da mitgestalten kann. Und
als ich mich aus der Assistenzzeit verabschiedet
habe, wusste ich: Das will ich von Vorstandsebene
aus tun.
Wie haben Sie die Zeit als Vorstandsassistentin
erlebt?
Es war eine anstrengende Zeit, aber auch
sehr gewinnbringend. Ich hatte nicht nur mit fachspezifischen
Dingen zu tun, sondern auch mit organisatorischen,
der Beziehung zum Kunden. Das
versuche ich auch unserem Führungsnachwuchs
zu vermitteln: dass es bei uns nicht um Kaufen
geht, sondern um Verkaufen. Endverbraucher freuen
sich über ihr neues Auto. Aber niemand steht
morgens unter der Dusche und sagt: „Hey, heute
kaufe ich mir eine Haftpflicht. Das ist toll!“
Inzwischen haben Sie selbst Assistenten ...
Ja, und die gehen einen harten Abschnitt mit. Sie
müssen die Ansprüche des Vorgesetzten verstehen
und mittragen. Umgekehrt will ich ja nicht nur
Aufgaben zuweisen, sondern Entscheidungen
auch verständlich machen. Das erfordert einen
intensiven Austausch. Ich will vernetztes Denken
vermitteln, will verdeutlichen, welche Konsequenzen
eine Entscheidung auch für andere Unternehmensbereiche
hat.
Der amerikanische Management-Experte Henry
Mintzberg hat herausgefunden, dass Top-Manager
50 Prozent ihrer Zeit in Besprechungen verbringen
und ihre Aufmerksamkeit maximal neun
Minuten auf ein Thema richten. Stimmt das?
Letzteres würde ich nicht unbedingt unterschreiben.
Aber ich habe auch Meetings im Stundenrhythmus
zu ganz unterschiedlichen Fragestellungen.
Als Top-Manager muss man sich sehr schnell
umstellen können, sich kurztaktig konzentrieren
und immer das Wesentliche erfassen.
Fühlen Sie sich eigentlich als Frau im Top-Management
als Exot?
Ich bin es durchaus gewohnt,
einzige Frau in Leitungsgremien zu sein, das ist
für mich nichts Ungewöhnliches. Aber amüsant
sind nach wie vor nicht nur die häufigen Anreden
mit „Sehr geehrte Herren …“, sondern vor allem
die anschließenden wortreichen Entschuldigungen.
Wie gehen männliche Kollegen damit um, wenn
man CIO des Jahres 2006 wird?
Es war der dritte
Platz – ich glaube, einige Kollegen waren schon
überrascht. Aber wichtiger war für mich, dass meine
Führungsmannschaft diesen Preis voller Stolz
gefeiert hat, denn es ist ja auch ihre Auszeichnung.
Immer wieder wird behauptet, Soft Skills seien
wichtiger als Fachkompetenz. Sehen Sie das
genauso?
Ja, den Anteil von solider Fachkompetenz
würde ich mit 40 Prozent ansetzen. Aber ein
hoher Anteil meiner Arbeit besteht darin, langfristige
Szenarien zu entwerfen und zu vermitteln.
Zwar kann man Achtungserfolge durch sehr
schnelle, konsequente Entscheidungen erzielen –
und damit auch nach außen punkten. Aber Stabilität
erzeuge ich, indem ich ein Klima schaffe, in
dem alle eine Entscheidung mittragen. Die Menschen
mitzunehmen, ist sehr wichtig. Das ist jüngeren
Führungskräften oft nicht bewusst. Auch ich
musste das lernen.
Wie haben Sie es eigentlich bewerkstelligt, die
IT-Systeme von vier Unternehmen komplett neu
an den Start zu bringen?
Es war das wahrscheinlich
größte Projekt in der europäischen Finanzdienstleistungsindustrie.
Wir mussten 1700 Projektmitarbeiter
bewegen. Ich habe mir gesagt: Gut,
dann müssen eben vier Stunden Schlaf reichen.
Das geht, obwohl der gesamte Prozess zweieinhalb
Jahre gedauert hat. Ich hatte schlaflose
Nächte. Man lebt mit einem solchen Projekt und
kämpft jeden Tag. Aber das gilt nicht nur für mich,
sondern für alle, die dieses Projekt vorangetrieben
haben.
Wie hält man das durch?
Ich hatte keinen Zweifel,
dass wir die operativen Schwierigkeiten in den
Griff bekommen. Aber dennoch muss man sich
motivieren. Speziell in dieser Zeit habe ich es mir
zur Gewohnheit gemacht, mich zwar auf Probleme
einzustellen, aber mir genauso morgens schon
bewusst zu machen, dass jeder Tag mindestens
einen kleinen Erfolg, einen Grund, sich zu freuen,
mit sich bringt. Das ist übrigens ein Rezept, das
einen im Top-Management über jeden Tag trägt.
Trotzdem hören Sie sich fast durchweg optimistisch
an: Gibt es denn nichts, was Sie verärgert
oder zweifeln lässt?
(Sie legt die Fingerspitzen aneinander
und überlegt kurz) Natürlich gibt es auch
weniger schöne Momente. Ich lege zum Beispiel
großen Wert darauf, verlässlich zu sein gegenüber
Vorstandskollegen und meiner Mannschaft. Wenn
es da ausnahmsweise zu Missverständnissen
kommt, dann nagt das an mir. Ich will authentisch
sein und so auch wahrgenommen werden.
Wie erleben Sie die Young Professionals, die jungen,
hoch qualifizierten Menschen im Unternehmen?
Als hungrige Generation. Oft mit internationaler
Erfahrung, die sich am liebsten international
weiterentwickeln möchten. Es kommt sehr auf uns
als Unternehmen an, was wir daraus machen. Wir
müssen ihnen Raum geben, frei nachzudenken
und ihre Talente zu entwickeln. Sonst kommt es
zu einem anderen Phänomen, nämlich zu einer
sehr schnellen Assimilation an die bereits bestehende
Kultur und vorhandene Strukturen. Wenn
das geschieht, können wichtige Potenziale auf der
Strecke bleiben. Lieber ist es mir, jemand offenbart
eine so gute Idee, dass ich ihn ermuntere,
diese weiterzuentwickeln und das Ergebnis vielleicht
sogar dem Vorstand zu präsentieren.
(Es ist fast Mittag, trotz der Lamellen vor den Fenstern
ist sichtbar, dass die Sonne es endgültig
geschafft hat, den morgendlichen Dunst zu vertreiben.
Das perfekte Wetter für einen Spaziergang.)
Stimmt es eigentlich, dass Sie schon morgens
um sechs Uhr Nordic Walking machen?
(erfreutes Lächeln) Ja, allerdings nur dann, wenn
es nicht kälter als fünf Grad ist. Ich mag nämlich
keine Handschuhe dabei tragen, ich will die
Stöcke mit bloßen Händen festhalten.
Und wie entspannen Sie sich sonst?
Ich lese gerne. Es gab Zeiten, da habe ich keine Neuerscheinung
meiner bevorzugten Verlage ausgelassen.
Aber das schaffe ich nicht mehr. Und ich
mag es, ins Konzert oder ins Theater zu gehen.
Letzteres am liebsten gemeinsam in der Gruppe –
damit wir hinterher noch über das Stück und die
Inszenierung diskutieren können.
Funktioniert das denn überhaupt? Von wann bis
wann arbeiten Sie normalerweise?
Meistens von etwa acht Uhr morgens bis 21 oder 22 Uhr.
Hat man da noch Chancen auf ein Privatleben?
Man braucht ein verständnisvolles Umfeld. Natürlich
passiert es immer wieder einmal, dass ich eine
Verabredung wegen eines beruflichen Termins in
letzter Minute absage. Da braucht man Menschen
um sich herum, die das nicht übel nehmen. Wäre
das anders, dann hätte ich auf Sand gebaut.
Außerdem gönne ich mir bewusst auch Auszeiten:
Im Oktober war ich vier Tage mit meinem Lebenspartner
wandern. Da sind wir singend durch die
Natur gezogen.
Das klingt ziemlich zufrieden. Würden Sie alles
wieder genauso machen?
Ich bin an einen Punkt
gelangt, an dem ich genau das tun kann, was ich
immer wollte: Strategien entwickeln und durch Veränderungsprozesse
die Zukunft eines Unternehmens
gestalten. Doch, ich finde, ich habe einen
Traumjob.
(Beim Abschied bemerkt die Interviewerin, dass
hinter dem Schreibtisch, auf dem sich rote Mappen
stapeln, ein großer Lego-Karton an der Wand lehnt.)
Ist das ein Geschenk für Ihr Patenkind?
Nein, das habe ich für eine Führungskräftebesprechung
genutzt. Es ging um unsere Unternehmenswerte:
Exzellenz, Resultate, Gemeinschaft und Offenheit.
Wir haben ein Riesenrad zusammengebaut. Das
hat allen sehr viel Spaß gemacht.












