19.07.2004
"Finanzielle Analphabeten"von Anne Thesing |
Herr Brost, welche Rolle spielt Geld in Ihrem Leben?
Marc Brost: Geld ist für mich ein Mittel zum Zweck. Es steht nicht über allem, ist aber die Basis für vieles.
Und welche Bedeutung hat es für Sie, Herr Rohwetter?
Marcus Rohwetter: Geld ist die klassische Ressource, die wir im Hier und Jetzt zur Verfügung haben und mit der wir für die Zukunft planen müssen. Es ist, wenn man so will, ein "Rohstoff des Lebens".
Was war für Sie beide der Anlass, das Buch "Das große Unvermögen" zu schreiben?
Rohwetter: In den letzten Jahren haben wir miterlebt, wie viele Freunde und Bekannte mit ihren Aktien auf die Nase gefallen sind. Und wir haben festgestellt: Es gibt eine ganze Menge Menschen, die von Geld nicht soviel verstehen, wie sie sollten.
Brost: Dazu kommt die aktuelle Diskussion um die private Altersvorsorge. Da fragt man ja schon mal im Bekanntenkreis nach: "Sag mal, wie sorgst du eigentlich fürs Alter vor?" Und dann merkt man schnell: Jeder weiß zwar, dass er was tun muss, aber keiner weiß, was. Dieser Unsicherheit wollten wir nachgehen.
"Wir sind finanzielle Analphabeten" ist Ihre Hauptthese. Ein Absolvent der Wirtschaftswissenschaften lässt sich diesen Vorwurf sicherlich nicht gerne machen.
Rohwetter: Gefühle wie Neid und Gier zum Beispiel können auch aus Menschen mit dem tollsten wirtschaftswissenschaftlichen Abschluss finanzielle Analphabeten machen. Vom klugen, kalkulierenden Kopf ist da oft nichts mehr zu spüren. Ein Beispiel: Ein Angestellter bekommt eine Gehaltserhöhung von 500 Euro monatlich. Das ist genau das, was er sich vorgestellt hat. Er freut sich so lange, bis er feststellt, dass der Kollege 600 Euro mehr bekommen hat. Das Hochgefühl ist dahin, weil er denkt, er habe nicht das Maximum rausgeholt.
Brost: Eine menschliche Schwäche ist auch die, sich von anderen leiten zu lassen. Nehmen wir das Beispiel Restaurant: Sie kommen abends in einer fremden Stadt an und wollen essen gehen. Sie finden zwei benachbarte Restaurants, beide sind noch leer. Sie entscheiden sich für eins von beiden, vielleicht weil der Kellner dort etwas freundlicher wirkt. Der nächste Gast sieht ein leeres Restaurant und eins, in dem Sie sitzen. Er wird in das gehen, in dem Sie sitzen. Zum Schluss essen alle in dem gleichen Restaurant, obwohl das leere vielleicht sogar das bessere ist.
Und diesem Herdentrieb gehen wir auch in Finanzfragen nach?
Brost: Ja, zum Beispiel bei Aktien. Monatelang sagen Sie sich: "Ich werde niemals sibirische Ölaktien kaufen." Bis Sie von fünf Leuten aus dem Büro hören, die zehntausende Euro Gewinn mit genau diesen Aktien gemacht haben. Also steigen auch Sie ein - dummerweise zu spät.
In Ihrem Buch beklagen Sie, dass Geld in unserer Gesellschaft tabu sei. Wie und wo kann dieses Thema enttabuisiert werden?
Rohwetter: Das fängt schon in der Familie an. Über alles, wahrscheinlich sogar über Sex, wird hier mehr gesprochen als über das Thema Geld. Welches Kind weiß schon, was der Vater verdient? Darüber wird nicht geredet. Eltern schicken ihre Kinder bestenfalls zum Bäcker, wo sie lernen, wie sie Geld ausgeben.
Brost: Es geht ja auch nicht darum, den Kindern beizubringen, wie man reich wird. Es geht um den täglichen Umgang mit Geld: Wie haben die Eltern ihre Finanzen geregelt? Worauf muss ich als Bankkunde achten? Was bedeutet es eigentlich, einen Kredit aufzunehmen und auch wieder zurückzahlen zu müssen?
Aber sind wirklich alle Eltern in der Lage, dieses Wissen zu vermitteln?
Brost: Leider nein. Und da kommt die Schule ins Spiel. Sie kann sich heute nicht mehr darauf beschränken, nur kleine Volks- und Betriebswirte auszubilden, die sich zwar bestens in Arbeitnehmer- und Arbeitgeberfragen auskennen, aber keine Prozentrechnung kennen und nicht wissen, wie der Dreisatz funktioniert - und die nicht in der Lage sind, einem Finanzberater die einfachsten Fragen zu stellen.
Natürlich ist aber auch jeder Einzelne gefragt - und zwar ganz besonders die heute 30- bis 40-Jährigen: Diese Generation muss privat fürs Alter vorsorgen, aber niemand hat ihr dieses finanzielle Wissen näher gebracht. Es sich selbst anzueignen, ist harte Arbeit. Und es bedeutet mehr, als nur den Wirtschaftsteil der Zeitung zu lesen oder auf Partys über die neuesten Börsenkurse zu plaudern.
Was empfehlen Sie Menschen, die vor einem Wust von Fachbegriffen und Informationen stehen und jetzt selbstständig ihre Altersvorsorge organisieren sollen?
Brost: Der erste Schritt ist, sich einzugestehen, ein finanzieller Analphabet zu sein. Bei Gesprächen mit Freunden wird jeder sehr schnell merken, dass es den anderen genauso geht. Es ist ja nicht so, dass jeder für sich im stillen Kämmerlein seine Altersvorsorge ausbrüten muss. Warum redet man nicht mit Freunden oder mit der Familie darüber?
Und mit Finanzberatern? Mit denen gehen Sie ja in Ihrem Buch sehr hart ins Gericht.
Brost: Natürlich sind Berater beim Kauf von Finanzprodukten die ersten professionellen Ansprechpartner. Aber man sollte sich darüber klar sein, dass sie, wie jeder andere auch, in erster Linie Eigeninteressen verfolgen.
Was empfehlen Sie Hochschulabsolventen, die selbst in diese Branche einsteigen wollen?
Rohwetter: Sie sollten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass über kurz oder lang immer mehr Kunden wissen, dass Berater vor allem am Umsatz und an Provisionen interessiert sind. Momentan ist es meist so: Der Kunde geht zu seiner Hausbank, lässt sich beraten und unterschreibt. Weil er davon überzeugt ist, dass sein Bankberater ihm das Beste auf dem Markt anbietet.
Aber vergleichen Sie das mal mit einem Autokauf: Jeder überlegt sich vorher, welches Fahrzeug er braucht, geht dann zu verschiedenen Händlern und entscheidet sich am Ende für das Produkt, das für ihn am besten ist. Jeder weiß: Der VW-Berater wird nur einen VW empfehlen, selbst wenn eigentlich der Renault das ideale Auto ist. Bei der Bank ist es ähnlich: Mir wird meist nur das Produkt empfohlen, das die entsprechende Bank gerade anbietet. Je mehr Kunden das wissen, umso mehr werden dem Bankberater kritischer gegenübertreten....
Brost: ... oder sogar bereit sein, für eine unabhängige Beratung Geld zu zahlen, so wie man es zum Beispiel auch bei einer Rechtsberatung tut. So würden Beratung und Produktverkauf getrennt und die Objektivität erhöht. Allerdings sind die Kunden zurzeit noch nicht bereit, für Qualität zu zahlen.
Ihr Buch trägt den Untertitel "Warum wir beim Reichwerden immer wieder scheitern". Was ist denn Ihr "Top-Vorschlag" zum Reichwerden?
Brost: (zögert) Naja, wenn wir unseren täglichen Umgang mit Geld im Griff haben, ist das schon persönlicher Reichtum genug. Oder was meinst du dazu, Marcus?
Rohwetter: Ein Tipp zum Reichwerden? Reich ist auf jeden Fall der, der nicht arm ist (lacht). Und finanzielle Verluste kann man ja nach der Lektüre unseres Buches ein bisschen in Grenzen halten.
Brost: Nicht, dass das missverstanden wird: Wir sind keine "Reichwerde-Apostel". Das ist nicht die Botschaft unseres Buches.
Nein, aber in Ihrem Buch geht es ja schon darum, im Alter nicht in Armut leben zu müssen. Was erwidern Sie Menschen mit der Einstellung "Was kümmert mich morgen? Ich lebe im Hier und Jetzt"?
Rohwetter: Das ist eine Entscheidung, die man akzeptieren muss. Wer so lebt, muss nur wissen, dass ihm unter Umständen ein Alter in Armut bevorsteht und dass der Staat ihn dann nicht mehr auffangen wird. Wer bereit ist, für Konsum im Hier und Jetzt die Sicherheit im Alter aufs Spiel zu setzen, soll das tun - muss dann aber auch die entsprechenden Konsequenzen tragen.
Macht es nicht unglücklich, immer nur vorausschauend zu leben?
Brost: Sich mit dem Thema Geld zu beschäftigen und für das Alter vorzusorgen, heißt ja nicht, heute in Sack und Asche gehen zu müssen. Es geht nur darum, sich ein paar Fragen zu stellen: Bin ich aufs Alter vorbereitet? Läuft meine Finanzplanung in die richtige Richtung? Dabei kann man durchaus das Hier und Jetzt genießen.
Rohwetter: Aber eben nicht ausschließlich. Man muss immer Gegenwart und Zukunft im Blick haben.
Das große Unvermögen
In Ihrem Buch plädieren die Autoren für mehr Eigenverantwortung. Kurzweilige Lektüre mit vielen Aha-Effekten.
Marc Brost, Marcus Rohwetter: Das große Unvermögen. Warum wir beim Reichwerden immer wieder scheitern. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2004. € 19,90.
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