Work-Life-Blending: Interview mit Prof. Christian Scholz

Prof. Dr. Christian Scholz, Fotos: privat & Fotolia/Sergey Nivens/Creativa Images
Prof. Dr. Christian Scholz, Fotos: privat & Fotolia/Sergey Nivens/Creativa Images

Der Generationenkenner. Wenn sich BWL-Professor Christian Scholz mit den Unternehmen der Zukunft beschäftigt, blickt der Personal-Experte und Ökonom vor allem auf die Menschen, die dort arbeiten. Scholz erkennt, dass die junge Generation Z mit vielen Ansätzen bricht, die heute als zeitgemäß gelten. Garantien statt Flexibilität, Trennung statt Blending – Führungskräfte sind gut beraten, sich mit den Vorstellungen des Nachwuchses auseinanderzusetzen. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Christian Scholz (geboren 1952 in Vöcklabruck/Oberösterreich) studierte in Regensburg und an der Harvard Business School. Seit 1986 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Er etablierte sich als Experte für Personalmanagement, sein zentrales Tätigkeitsfeld ist die Erforschung der Arbeitswelt. Dabei beschäftigt sich Christian Scholz intensiv mit der Generation Z und ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt der Zukunft. Im Oktober erscheint als Nachfolger zu „Generation Z“, ebenfalls bei Wiley, sein neues Buch „Mogelpackung Work-Life-Blending“.

Herr Prof. Dr. Scholz, Ihr neues Buch ist eine kritische Abrechnung mit der Idee des Work-Life-Blending. Was ist falsch daran, wenn die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit zerfließen?
Bei der Work-Life-Balance gab es noch den Anspruch, eine Balance zu finden. Das Blending – manche sagen auch Work-Life-Flow oder Work-Life-Integration – steht für eine völlige Vermischung: Alles geht ineinander über. Es gibt also keine zeitlichen und räumlichen Grenzen mehr zwischen Freizeit und Arbeitszeit. Das ist der Abschied von geregelten Arbeitszeiten, oft aber auch von festen Arbeitsplätzen. Wir reden also von der vollkommenen Flexibilisierung der Arbeit.

Aber ist diese Flexibilisierung der Arbeitszeit nicht genau die Entwicklung, die von der jungen Generation eingefordert wird?
Das wird behauptet. Von Seiten der Unternehmen und der Politik. Bei den Vertretern der Generation Y war das in vielen Fällen auch noch so: Die haben beim Einstieg in den Job geglaubt, dass sich Leistung lohnt und Loyalität auszahlt. Diese Generation war optimistisch.

Ist die Generation Z pessimistisch?
Nein, eher realistisch. Diese jungen Menschen haben sehr genau hingeschaut, was in den vergangenen Jahren passiert ist. Sie haben erkannt, dass Karriere mit Stress oder Burn-out einhergehen kann, dass Unternehmen ganz andere Dinge im Kopf haben, als sich tatsächlich um das Wohl ihrer Mitarbeiter zu kümmern. Wenn diese jungen Leute den Begriff Flexibilisierung hören, läuten sofort die Alarmglocken.

Zurecht?
Ja, denn was als Flexibilisierung verkauft wird, ist eine Mogelpackung. Im Grunde handelt es sich um eine Planlosigkeit des Personalmanagements. Statt die Arbeit in Teams so aufzustellen, dass jeder weiß, was und wann zu tun ist, wird auf diesen Plan verzichtet und improvisiert: „Jetzt brauchen wir ein Meeting – jetzt holen wir die Leute zusammen, egal, wo sie gerade sind und was sie gerade machen.“

Das Management verfügt also über die Zeit der Mitarbeiter. Hier ist verstärkt Management-Diagnostik erforderlich, denn was bei diesem Ansatz fehlt, ist die soziale Management-Kompetenz, eine Arbeitsstruktur aufzustellen, an die sich alle zu halten haben, die aber eben auch freie Zeit planbar macht und garantiert. Stattdessen wird Arbeit auf Abruf eingefordert.

Wird nicht auch diese Improvisation als Fortschritt verkauft?
Hier findet eben der perfide Etikettenschwindel statt. Personaler behaupten, die jungen Leute möchten die flexible Arbeitszeit – aber gehen Sie mal auf die Straße und fragen Sie die Generation Z. Die meisten werden Ihnen sagen: Bitte nicht! Viele junge Menschen glauben nicht mehr an die Begriffe, die ihnen Unternehmen stolz und fast schon mit arroganter Überheblichkeit verkaufen.

Welche sind das zum Beispiel?
Vertrauensarbeitszeit. Vertrauen funktioniert immer gegenseitig. Sobald aber klar wird, dass das Unternehmen selbst nur wenig dafür tut, das Vertrauen der Mitarbeiter zu gewinnen, ist das Modell dahin. Nehmen wir das Beispiel eines jungen Elternteils, der für den Kindergeburtstag seines Kindes am frühen Nachmittag nach Hause darf. Ehrensache. Jedoch mit der kleinen Einschränkung, dass die Feier kurz für eine kurzfristig angesetzte Skype-Konferenz unterbrochen werden muss, mit der Bitte, dann abends schnell noch das Protokoll zu schreiben.

Open-Office und Desk-Sharing: Diese Konzepte stehen nicht für Offenheit und Freiheit, sondern sind Signale dafür, dass jeder ersetzbar ist.

Man hat also frei, aber…
…und genau dieses „aber“ ist das Problem. Hier beginnt das Blending – und zwar auf Kosten des Mitarbeiters. Oder nehmen Sie Open-Office und Desk-Sharing: Diese Konzepte stehen nicht für Offenheit und Freiheit, sondern sind Signale dafür, dass jeder ersetzbar ist.

Wie reagiert die Generation Z, wenn sie mit solchen Konzepten, die sie nicht möchte, konfrontiert wird?
Ich bin Teil der Babyboomer-Generation, und wir waren gut darin, über alles zu diskutieren und laut zu protestieren. Die Generation Z ändert ihr Verhalten dagegen still und leise: Sie geht dem großen Diskurs aus dem Weg. Denkt also die Führungskraft, der Laden ist ruhig, alles ist gut, dann täuscht sie sich, wenn sie die Denk- und Handelsweise der Generation Z nicht kennt.

Das Bild von der trügerischen Ruhe.
Und diese ist fatal. Die junge Generation unterhält sich nämlich untereinander sehr wohl über die Missstände, davon bekommen die Führungskräfte zunächst nichts mit. Bis die hoffnungsvollen Einsteiger plötzlich das Unternehmen verlassen. Hier entsteht in den Unternehmen eine Art Schizophrenie: Das Management missversteht die Ruhe als Zufriedenheit, die Mitarbeiter distanzieren sich immer mehr. Hier zeigt sich, wie wichtig auf beiden Seiten die soziale Kompetenz ist.

Generation Z & Work-Life-Blending

Ganz grob zählen zur Generation Z die jungen Menschen ab Jahrgang 1990. Es handelt sich also um die Generation der Berufseinsteiger von heute. Die Vorgänger-Generation Y strebte auch in der Arbeitswelt nach persönlicher Weiterentwicklung und Selbstentfaltung, sie machte sich das Konzept des Work-Life-Blending zu eigen: Arbeit und Freizeit gehen ineinander auf. Die Generation Z erkennt, dass der Plan der Generation Y für die wenigsten aufgeht. Sie trennt daher wieder klar zwischen Arbeits- und Privatleben, was von den Unternehmen ein Umdenken erfordert.

Cover Christian Scholz MogelpackungChristian Scholz: Mogelpackung. Work-Life-Blending. Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen. Wiley 2017. 19,99 Euro. Erscheinungstermin: 15.10.2017.

Verpasst der Nachwuchs durch dieses Verhalten die Chance, Dinge zu ändern?
Die Generation Z ist ein stiller Treiber des Wandels. Es geht hier nicht um die große Revolution, sondern um konsequentes Handeln: Gefällt mir das nicht, gehe ich weg. Gefällt mir das gut, bleibe ich und zwar auch lange. Denn das darf man nicht vergessen: Die Generation Z ist überraschend loyal – aber nur dann, wenn die Rahmenbedingungen wirklich stimmen. Vor kurzem habe ich zwei Unternehmen einer Branche kennengelernt, dem einen liefen die guten Leute weg, das andere konnte sich vor lauter Bewerbungen kaum retten. Wo der Unterschied lag? Nicht im Gehalt oder den Karrierechancen, sondern darin, dass ein Unternehmen Garantien für Arbeit und Freizeit gab – das andere aber alles eher offen und flexibel halten wollte.

Die junge Generation belohnt also Unternehmen, die eine Work-Life-Separation garantieren. Das ist eine Erkenntnis, die sich gerade junge Führungskräfte unbedingt merken sollten: Ich bin gespannt darauf, wann die ersten Unternehmen im Personalmarketing darauf reagieren und nicht mehr mit flexiblen Vertrauensarbeitszeiten, sondern mit geregelten Arbeitszeiten werben. Das wäre ein Paradigmenwechsel, der dieser jungen Generation gerecht wird.

Dann hätte die Generation Z gewonnen.
Na ja, die jüngste Generation gewinnt eigentlich immer, denn sie wird ja gebraucht. Aber in diesem Fall wäre sie ein stiller Sieger, weil sie damit den Etikettenschwindel und die Mogelpackungen als solche entlarvt hätte. Und dass dieser Wandel kommen wird, dafür gibt es spannende Belege. Nehmen Sie Google: Viele denken, der Konzern sei ein Paradebeispiel für improvisierte Arbeit. Um das zu widerlegen, müssen Sie sich einmal die Busse anschauen, die Google für die Mitarbeiter einsetzt, um ins Silicon Valley zu kommen: Die fahren nicht flexibel, sondern streng nach Fahrplan: beispielsweise Abfahrt von zu Hause per Bus 8:34, Ankunft am Abend zu Hause um 18:54. Google weiß genau, dass auch kreative und innovative Leute gerne wissen wollen, ab wann sie abends frei haben.