Interview mit Maria Dietz

„Präsenzkultur? Abgeschafft!“

Maria Dietz, Foto: GFT
Maria Dietz, Foto: GFT
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Maria Dietz studierte BWL und stieg dann beim IT-Dienstleister GFT ein. Dort rückte sie bis ins Top-Management vor und sitzt heute im Verwaltungsrat des Unternehmens. Im Interview erzählt sie, was passieren muss, damit mehr Frauen die IT-Branche für sich entdecken und in den Unternehmen Karriere machen. Die Fragen stellte André Boße.

Frau Dietz, warum hat die IT-Branche so große Schwierigkeiten, den Anteil weiblicher Fach- und Führungskräfte zu erhöhen? Passt die Arbeit nicht? Oder haben junge Frauen zu viele Vorurteile – und entscheiden sich deshalb anders?
Weder noch. Erstens glaube ich, dass gerade die IT-Branche attraktive Karrierechancen für Frauen bereithält. Die Branche ist hoch innovativ, die Strukturen sind offener und nicht so fest zementiert, wie in den traditionellen Branchen. Der Grund liegt auf der Hand: Die IT-Unternehmen waren schon immer davon abhängig, viele gute Leute zu rekrutieren. Also haben sie die Jobs von Beginn an attraktiv gestaltet, wovon der Nachwuchs profitiert – auch mit Blick auf Frauen.

Zur Person

Maria Dietz studierte BWL mit der Fachrichtung Finanz- und Rechnungswesen sowie Internationales Marketing und stieg 1990 bei GFT Technologies ein. Bis zum Börsengang im Jahr 1999, den sie aktiv begleitete, verantwortete sie den gesamten kaufmännischen Bereich des IT-Dienstleisters. In den Jahren nach dem Börsengang konzentrierte sie sich auf die Entwicklung des Marketings. Im Zuge der internationalen Expansion verantwortete sie bei den damit verbundenen Unternehmenskäufen die entsprechenden Due- Diligence-Projekte. Von 2003 bis 2010 baute sie die Bereiche Recht und Interne Revision auf. Im Jahr 2010 übernahm Maria Dietz die Leitung des weltweiten Einkaufs der gesamten GFT Gruppe. Seit Juni 2015 sitzt sie im Verwaltungsrat des Unternehmens.

Bleiben noch die Vorurteile.
Ich glaube, sie haben häufig keine Vorurteile. Sondern schlicht und einfach keine Vorstellungen davon, wie ein IT-Unternehmen funktioniert, was wir eigentlich machen und welche Jobs, Rollen und Inhalte es gibt. Na ja, und wenn die jungen Frauen eine Vorstellung von der IT-Branche haben, dann vielleicht tatsächlich eine vorurteilsbehaftete. Unsere Branche muss also Aufklärungsarbeit leisten. Klar machen, was man bei uns tun kann, welche Fähigkeiten man mitbringen muss und was man erreichen kann. Die zwei Schlüsselbegriffe habe ich eben schon erwähnt, sie lauten Innovation und Flexibilität.

Können Sie uns konkrete Beispiele für spannende Jobprofile nennen, von denen Sie denken: Das wäre unbedingt etwas für ambitionierte Frauen?
Da gibt es eine ganze Menge! So zum Beispiel die Position der Projektleiterin, in der sie sowohl fachlich Projekte lenken und verantworten als auch organisatorisch das Team steuern. Hier geht es um Management- und Führungsaufgaben, aber auch um die Kommunikation mit den Mitarbeitern und den Kontakt mit dem Kunden, um dessen Bedürfnisse herauszufiltern.

Auch Bereiche wie das Change-Management oder die IT-Beratung bieten spannende Möglichkeiten, um das Wissen und die Interessen junger Frauen zur Entfaltung zu bringen. Aufpassen müssen wir, dass wir für die Frauen in den IT-Unternehmen nicht nur Positionen in den Bereichen finden, in denen sie ohnehin stark vertreten sind – sprich Personal, Marketing oder Kommunikation.

Ihr Unternehmen hat einen hohen Anteil an Frauen in führenden Positionen – gerade auch in ansonsten männerdominierten Bereichen. Wie ist Ihnen das gelungen?
Es gibt sicherlich eine Vielzahl von Gründen, ein wichtiger: Wir bieten unserem weiblichen Nachwuchs genügend Vorbilder – also Frauen, die auf allen Ebenen unseres Unternehmens Führungspositionen wahrnehmen. Sie verantworten nicht nur Bereiche im mittleren oder hohen Management, sondern auch in der obersten Führungsetage – sprich unter den geschäftsführenden Direktoren und im Verwaltungsrat. Bester Beleg ist das Feedback aus zahlreichen Vorstellungsgesprächen. Dort höre ich oft, dass mir Bewerberinnen sagen: „Es stellt sich mir nicht die Frage, ob ich bei Ihnen als Frau Karriere machen kann. Das erkenne ich alleine daran, welche zentralen Positionen bei Ihnen von Frauen verantwortet werden.“

Die neueste Bitkom-Studie aus dem Herbst 2015 hat erhoben, dass bei den deutschen IT-Unternehmen der Anteil der Frauen im Top-Management bei 4,9 Prozent liegt. Wir haben im Verwaltungsrat einen Anteil von 28,5 Prozent und bei den geschäftsführenden Direktoren 33 Prozent. Wer Frauen tatsächlich im Top-Management hat, wirkt glaubwürdig. Hinzu kommt, dass es bei uns keine Präsenzkultur mehr gibt.

Sprich: Es gilt nicht mehr, dass, wer lange arbeitet, auch gut arbeitet.
Genau. Das ist sowieso Unfug, weil eine lange Arbeitszeit nicht automatisch eine effiziente ist. Vor allem aber ist eine solche Kultur schwierig für Frauen oder generell für Eltern mit jungen Kindern. Bei uns ist die Arbeitszeit tatsächlich flexibel. Und mal ganz ehrlich: Wenn ein IT-Unternehmen es nicht hinbekommt, Arbeit flexibel zu organisieren – ja wer denn dann? Wir haben schon aus professionellen Gründen längst die neuen Möglichkeiten der Teamarbeit und Kommunikation lieb gewonnen. Und über die Technik verfügen wir auch. Ist doch klar, dass unsere Mitarbeiter das nutzen.

Das klingt alles logisch, gerade deshalb noch einmal die Frage: Warum fühlen sich nicht mehr Frauen von der Branche angezogen? Warum das geringe Interesse – und die damit einhergehende Unwissenheit?
Ich muss in diesem Zusammenhang auf die Medien zu sprechen kommen, gerade auch auf Fernsehserien oder TV-Shows. Es ist bekannt, dass die Medien in den Phasen der Berufswahl einen großen Einfluss ausüben. Wenn Sie sich jetzt einmal anschauen, welche Berufe die gut aussehenden und erfolgreichen Frauen in den Daily Soaps, Serien oder Filmen haben, dann sehen Sie: Das sind Ärztinnen, Anwältinnen, Medien- oder Werbeprofis. Tauchen da mal coole Ingenieurinnen auf? Oder IT-Spezialistinnen? Da ist es doch klar, dass sich so wenige Frauen für Karrieren in den MINT-Berufen interessieren. Na ja, und wenn denn diese technischen Berufsbilder mal dabei sind, dann werden sie häufig negativ überzeichnet. Ich würde mir wünschen, dass es mal eine coole ITlerin geben würde, die fantastische Apps programmiert, weltweit virtuelle Teams leitet und ein erfolgreiches Leben führt.

In diesem Sinne sind Frauenkarrieren wie die von Yahoo-Chefin Marissa Mayer Gold wert, oder?
Fantastisch. Auch Sheryl Sandberg, COO von Facebook, ist ein wunderbares Vorbild für junge Frauen. Es ist toll, dass diese und andere erfolgreiche IT-Frauen auch rausgehen und über ihre Karriere und ihre Arbeit reden. Nur: Es müssten noch viel mehr sein. So viele, dass auch die Frauen, die denken, MINT sei etwas für Männer, umdenken.

Veranstaltungstipp

CODE_n Das international ausgerichtete Innovationsfestival CODE_n findet vom 20. bis 22. September in Karlsruhe statt. Bei dem Event von GFT Technologies dreht sich alles um Innovationen, junge und etablierte Unternehmen, den digitalen Wandel und traditionelle Branchen im Umbruch.
www.code-n.org