Interview mit Christian Thiel

Der Menschen- und Unternehmenskenner

Foto: Fotolia/vectorfusionart
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Als Singleberater kümmert sich Christian Thiel um menschliche Beziehungen, als Blog- und Buchautor zeigt er Wege, mit Aktien langsam aber recht sicher Gewinn zu machen. Im Interview bringt der studierte Philosoph die beiden Themen zusammen und hinterfragt kritisch, welche psychologischen und philosophischen Auswirkungen Geldanlagen auf den Menschen und sein Umfeld haben. Für Einsteiger hat er einen interessanten Vorschlag: Weil Geld trügerisch ist – warum nicht erst einmal umsonst arbeiten, um zu schauen, ob das Unternehmen zu einem passt? Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Christian Thiel, Foto: Stephan Jockel
Christian Thiel, Foto: Stephan Jockel

Christian Thiel, 56 Jahre, studierte Philosophie und Germanistik an der Freien Universität Berlin und arbeitete am Institut für tiefenpsychologische Individualpsychologie (ITGG Berlin).

Dort interessierten ihn nicht nur die psychologischen Aspekte von Beziehungen, sondern auch der Einfluss der Psychologie auf ökonomisches Handeln – vor allem an der Börse. Heute ist Thiel als Single- und Partnerschaftsberater in Berlin tätig und publiziert Bücher.

Herr Thiel, können Ihnen schlechte Aktienkurse die Laune verhageln?
Das kann passieren, ja. Vor einem Jahr hatten wir eine sehr schlechte Börsenphase, und wenn sich ihr Geld innerhalb von vier Wochen um 10 bis 15 Prozent verringert, dann muss einen das nicht froh stimmen. Allerdings handelt es sich nun einmal um die Börse: Es geht bergauf, es geht bergab. So wie im Leben auch.

Sie kümmern sich als Berater nicht nur um Aktien, sondern auch um Partnerschaften. Inwiefern lassen sich Beziehungen und Aktienkurse vergleichen?
Wenn Sie Geld anlegen, dann geht es um Psychologie. Privatanleger erzielen in der Regel nur halb so viel Gewinn wie der DAX oder andere Indizes, weil uns fallende Aktien in Panik versetzen – stark steigende Aktien wiederum stimmen euphorisch. Nun sind aber weder Panik noch Euphorie passende Gefühle, wenn es um Geld geht. Wir haben es hier häufig mit männlicher Selbstüberschätzung zu tun. Frauen legen gerne vernünftig in Fonds an, Männer suchen sich ihre Aktien selbst heraus – und machen nicht selten Verluste, obwohl der Index steigt und steigt. Das ist sehr irrational, zumal sie viel Zeit in die Sache investieren. Um das zu kaschieren, ziehen sie dann keine ehrliche Bilanz, sondern reden sich ein: „Na ja, meine Aktien sind schon weiterhin toll, die kommen aber erst im nächsten Jahr.“ Ein bisschen mehr Ehrlichkeit wäre ganz gut.

Ist psychologisches Wissen wichtiger als betriebswirtschaftliches Know-how, um die Börse zu verstehen?
Es ist gut, die tückischen Verhaltensweisen des Menschen zu kennen. Auf der anderen Seite sollte man schon auch etwas über die Unternehmen wissen, für die man sich interessiert. Ich finde die Unternehmen spannend, die echte Zukunftsfelder besetzen, weil sie den Gang der Weltgesellschaft prägen. Das trifft auf Google, Facebook, Apple oder Amazon offensichtlich zu. Es sind aber nicht nur die technischen Unternehmen. Wir wissen zum Beispiel, dass die Menschen schon jetzt und in Zukunft noch mehr bei der Arbeit pausenlos sitzen. Wir müssen also in der Freizeit mehr Sport treiben, daher sind Sportartikelhersteller eine gute Wahl. Wir wissen auch, dass wir uns ungesund ernähren – und deshalb Pharma-Unternehmen an Bedeutung gewinnen werden.

Sie haben auch in Lindt-Aktien investiert, einen Schokoladenhersteller.
In einer Gesellschaft, die so reich ist wie unsere, kann ein Schokoladenhersteller eigentlich keinen Gewinn mehr erzielen. Das können nur noch die Besten. Die Frage ist also: Wer bekommt das Premium-Prädikat, wer kriegt mehr Geld für seine Produkte, weil er etwas Besonderes bietet und die Marke stimmt? Wer hingegen für den Durchschnitt produziert, kann froh sein, wenn er über die Runden kommt.

In Ihrer Facebook-Gruppe werden Sie oft gefragt, was Sie von dieser oder jener Aktie halten.
Ja, und meistens antworte ich: Sorry, die kenne ich gar nicht oder nicht gut genug! Ich beschränke mich sehr stark bei den Aktien, die ich empfehle. Wenn ich von einer Firma nichts weiß, will ich dazu auch nichts sagen. Wenn ich mich dagegen auf die 50 interessantesten Unternehmen der Welt konzentriere, dann habe ich eine bessere Chance, mit meiner Einschätzung gut dazustehen.

Ist es für Bewerber sinnvoll, sich mit den Aktienkursen eines potenziellen Arbeitgebers zu beschäftigen?
Nein, das ist ein anderes Metier. Jedoch besitzt die Partnersuche sehr viel Ähnlichkeit mit der Jobsuche. Vor allem, weil Sie die Erfahrung machen werden, dass Sie beruflich nicht dort am glücklichsten werden, wo das meiste Geld winkt. Um das mal auf die Partnersuche zu übertragen: Ich werde ja nicht unbedingt mit einem Partner glücklich, der eine Miss- oder Mister-Wahl gewonnen hat. Das Glück finden Sie mit einem Partner, der Ihrem Wesen am ähnlichsten ist, der mit seinen Wertvorstellungen zu Ihnen passt. Und das gilt auch für die Suche nach einem passenden Unternehmen. Schaue ich nur auf Prestige und Gehalt, dann besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, nicht glücklich zu werden. Das Unternehmen sollte zu einem passen. Was ich jungen Leuten häufig vorschlage: Arbeiten Sie zunächst einmal umsonst für das Unternehmen!

Zum Buch und Blog

Als studierter Philosoph beschäftigt sich Christian Thiel mit den psychologischen und philosophischen Aspekten von Geld und Geldanlagen: Welche Anlagestrategien funktionieren, wenn man als Anleger nicht auf Abenteuer aus ist, sondern nach Sicherheit sucht? Thiels Tipps gibt es online im Blog und in seinem Buch:
Christian Thiel: Schatz, ich habe den Index geschlagen! Wie ich auszog, die besten Aktien der Welt zu kaufen. Campus 2017. 17,95 Euro.

Blog: www.grossmutters-sparstrumpf.de
Facebook: „Großmutters Sparstrumpf“

Warum das?
Damit Sie sich möglichst frei dort umschauen können. Einen Vertrag können Sie später noch unterschreiben. Mark Twain hat mal sinngemäß geschrieben: „Wie wird man ein gut bezahlter Journalist? Das einfachste ist: Sie gehen zu einer Zeitung und sagen: Ich arbeite umsonst für Sie.“ Umsonst zu arbeiten hat den großen Vorteil, dass das Geld einem nicht das trügerische Gefühl vermittelt, alles sei gut. Erkennen beide Seiten in dieser Phase, dass man zusammenpasst, steht einem guten Gehalt nichts im Wege. Und man muss als Absolvent heute auch keine Angst mehr davor haben, sich unter Wert zu verkaufen. Akademiker sind begehrt, die Wirtschaft benötigt dringender denn je gut ausgebildete Menschen. Deshalb mein Rat: Schauen Sie genau hin, bevor Sie sich mit einem festen Vertrag an ein Unternehmen binden!

Ein US-Unternehmen hat vor einiger Zeit jedem Mitarbeiter einen Brief geschrieben, in dem sinngemäß stand: „Wir sind froh, dass Sie für uns arbeiten – aber falls Sie nicht mehr glücklich bei uns sind, geben wir Ihnen als Abfindung zwölf Monatsgehälter und stellen Sie frei.“ Jeder, der diesen Brief las, wird sich sehr genau überlegt haben, wie zufrieden er noch bei dem Unternehmen ist. Stellte er fest, dass ihn die Abfindung lockte – dann war halt Schluss. In diesem Fall haben beide Seiten gewonnen. Denn es ist offensichtlich, dass die Leute, die sich für das Geld entschieden haben, nicht unbedingt die Leistungsträger der Zukunft waren.

Das klingt beinahe nach einem unmoralischen Angebot.
Vielleicht, aber es hilft, herauszufinden, wie zufrieden man mit seinem Beruf ist. Eine andere, noch gemeinere Frage lautet: „Stellen Sie sich vor, Sie erben von heute auf morgen eine Million Euro. Würden Sie Ihren Job weitermachen – oder direkt kündigen?“ Sie merken schon an der Frage, wie trügerisch das Geld sein kann. „Für diesen Laden arbeiten, wenn ich nicht vom Gehalt abhängig wäre? Niemals!“ Wer so denkt, steht vor Problemen. Die Gesellschaft legt uns nahe, dass das erzielte Einkommen das Wesentliche ist. Aber wir wissen aus Studien, dass das nicht stimmt. Zumindest nicht für die höheren Einkommen, die Akademiker in der Regel erzielen. Entscheidend für das Glück ist, wie es um die Beziehung steht – die zum Unternehmen und die zu meinem Partner. Hängt in einem Bereich der Haussegen schief, geht das auf Dauer zu Lasten der Zufriedenheit. Und das vermiest die Laune deutlich mehr als fallende Aktienkurse.