Finanzexperten in der digitalen Geschäftswelt

Gestalter gesucht

Foto: Fotolia/Sergey Nivens
Foto: Fotolia/Sergey Nivens
Anzeige

Die Rolle von Finanzexperten in Unternehmen gewinnt an Bedeutung: Auf der einen Seite übernehmen sie weiterhin prüfende und kontrollierende Aufgaben. Als Analysten, Consultants und Big-Data-Experten nehmen sie verstärkt die Rolle der Strategen ein und schätzen für die Unternehmen Chancen und Risiken neuer Geschäftsmodelle ein. Von André Boße

Der Chief Financial Officer (CFO) eines großen Unternehmens hat immer zwei Seiten im Blick. Zum einen schaut er auf die internen Finanzstrukturen: Funktionieren Controlling und Risikoeinschätzung? Und können wir mit Blick auf die Digitalisierung die anstehenden strukturellen Herausforderungen meistern? Der Blick der Top-Finanzmanager richtet sich aber auch auf die externen Faktoren, die Einfluss auf die Finanzwelt ausüben. Und dieser Blick bereitet heute Sorgen. „Seit dem Sommer 2015 ist die Stimmungslage der deutschen CFOs von Entwicklungen im internationalen Umfeld geprägt“, heißt es im CFO-Survey 2016 der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Deloitte. Dennoch: Trotz politischer Turbulenzen und einer unbeständigen Weltwirtschaftslage ist die Stimmung bei den deutschen CFOs weiterhin verhalten optimistisch: „Der CFO Confidence Index zeigt sich nach wie vor im leicht positiven Bereich“, heißt es in der Studie.

Finance Consulting

Vor allem die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben Finance Consulting als Geschäftsfeld mit großem Wachstumspotenzial wiederentdeckt.

Dementsprechend groß ist bei diesen Beratungsunternehmen der Bedarf an Consultants mit Finanz-Know-how, die zusammen mit den Mandanten die Struktur, strategische Ausrichtung sowie Implementierung der Finanzprozesse in die Architektur des Unternehmens analysieren. Dabei geht es um die Qualität von Controlling und Effizienz, aber auch um Aspekte wie Risikoanalyse und den Blick auf neue Geschäftsmodelle.

Zu erklären ist das mit dem großen Selbstbewusstsein, mit dem die Finanzprofis in den Unternehmen an dem wichtigsten Megatrend der Zeit mitwirken: der Digitalisierung. Noch 2014 hatte nur ein Drittel der CFOs in der Digitalisierung einen wichtigen langfristigen Trend für die Unternehmen erkannt. „Nur zwei Jahre später ist das Thema in vollem Umfang bei den Verantwortlichen angekommen“, formuliert die Deloitte-Studie. Spät, aber nicht zu spät. Genau daran erkennt man einen ausgezeichneten Analysten: Er kann einschätzen, wann es höchste Zeit ist, Änderungen einzuleiten. Interessant dabei ist, dass die Auswirkungen der Finanzkrise immer noch dafür sorgen, dass deutsche Unternehmen nur verhalten investieren.

Bei der digitalen Umstellung des Finanzbereichs geht es dennoch zügig voran: „In die Digitalisierung der Unternehmen und die dafür notwendigen Kompetenzen wird durchaus investiert“, zeigte die Umfrage unter den mehr als 100 CFOs großer deutscher Unternehmen (siehe Kasten Seite 12). Und die erst kürzlich veröffentlichte CFO-Umfrage „Positive Aussichten für 2017“ von Deloitte zeigt: Die Finanzchefs betrachten die Digitalisierung als wichtige Chance für das Jahr 2017.

Und das hat unmittelbare Folgen für die Anforderungen an Nachwuchskräfte, die in den Unternehmen und Konzernen Finanzjobs übernehmen: 63 Prozent der CFOs fordern ein besseres Verständnis ihrer Mitarbeiter für digitale Geschäftsmodelle. Hier zeigt sich bereits, dass die Digitalisierung in den Finanzbereichen der Unternehmen eine zusätzliche Dimension erreicht: Der Fokus liegt nicht nur auf der Optimierung interner Prozesse. „Es geht in hohem Maße auch um eine Verbesserung der Analytics-Kompetenzen sowie um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und Dienstleistungen“, heißt es in der Studie. In diesem Sinne beginnt nun eine zweite Phase: Finanzspezialisten nutzen die digitalen Tools als Controller oder Wirtschaftsprüfer, gleichzeitig treiben Analysten und Risikomanager damit innovatives Business voran.

Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick in den Daimler-Konzern. Seit Herbst 2015 ist Yvonne Rosslenbroich Personalvorstand bei Daimler Financial Services, der Finanzdienstleistungstochter des Autobauers. „Jedes zweite Neufahrzeug aus unserem Konzern wird von uns finanziert“, sagt sie über die enge Verbindung der Tochter zur Mutter. Das ist das traditionelle Geschäft des Unternehmens, doch der Wandel wird offensichtlich, wenn die Top-Managerin ihr Unternehmen nicht nur als Finanz- sondern auch als Mobilitätsdienstleister bezeichnet. „Innovative Mobilitätsdienstleistungen wie car2go, mytaxi oder die App moovel gehören mittlerweile ebenfalls zu uns“, sagt Rosslenbroich.

Das ist interessant, weil der Daimler-Konzern damit seine zukunftsweisenden mobilen Anwendungen in den Bereichen Carsharing oder digitale Apps unter dem Dach des konzerneigenen Finanzspezialisten angesiedelt hat. Die Richtung ist klar: Daimler Financial Services darf sich als führender Entwickler von neuen Mobilitätslösungen betrachten, die meisten davon besitzen einen starken Digitalisierungsgrad. „Daher decken wir tatsächlich eine große Bandbreite an Jobprofilen ab“, sagt die Vorstandsfrau. „IT- und Mobilitätsexperten sollen dabei helfen, uns nachhaltig als führenden Finanz- und Mobilitätsdienstleister zu positionieren.“ Gefragt seien daher auch Entwickler im Bereich Software- und App-Development, die im Idealfall Finanz- und IT-Know-how kombinieren. Doch das bedeutet nicht, dass der klassische Finanzspezialist keine Rolle mehr spielt. Controller und Wirtschaftsprüfer sind weiterhin gefragt.

Digitales Know-how

Die Deloitte-Studie fragte die CFOs der deutschen Unternehmen, welche Fähigkeiten in den Finanzbereichen weiter ausgebaut werden müssten, um den Anforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden. Am meisten genannt wurde dabei das Verständnis der Mitarbeiter für digitale Geschäftsmodelle (63 Prozent).

Knapp dahinter platzierte sich das Know-how für digitale Prozesse (62 Prozent). Gut jeder zweite CFO wünschte sich, dass seine Mitarbeiter ihre Analytics-Kenntnisse weiter ausbauen.

Zunehmend wichtiger werden allerdings Business-Entwickler sowie Data-Scientists mit einem Schwerpunkt auf Wirtschaftsmathematik und -informatik. „Das liegt vor allem daran, dass wir uns in einem sehr dynamischen Umfeld befinden. Zudem arbeiten wir an vielen Start-up-Projekten, sodass Projektmanagement bei uns ein Teil des Tagesgeschäfts ist“, sagt Yvonne Rosslenbroich. Dieser Ansatz prägt auch die Unternehmenskultur der Daimler-Tochter: So ist zum Beispiel Englisch die Arbeitssprache, und eine Krawattenpflicht gibt es nicht.

Neue Geschäftsmodelle erkennen

Für die Zukunft sieht die Top-Managerin zwei Profile als besonders bedeutsam an: Da sind zum einen Jobs, die sich mit dem Thema Big Data beschäftigen: Spezialisten haben die Aufgabe, aus der Masse an Daten verwertbare Finanzkennziffern herauszufiltern. Die Aufgabe von Big Data-Experten im Finanzbereich sei es zum Beispiel, „Eintrittswahrscheinlichkeiten zu ermitteln oder Geschäftspotenziale abzuleiten“. Das sind spannende Aufgaben, denn diese Jobprofile legen einen deutlichen Fokus auf die Zukunft: Anhand von Daten und finanziellen Parametern erarbeiten die Mitarbeiter Einschätzungen von möglichen Business-Innovationen.

Der Finanzprofi im Unternehmen nimmt hier mehr denn je die Rolle eines Gestalters ein, weil er als Big Data-Experte in der Lage ist, Potenziale zu erkennen und finanziell einzuschätzen. „Dabei ist eine Expertise im Bereich Statistik und Machine Learning entscheidend, um prognostische Modelle zu entwickeln und aus Unternehmensdaten diesen Mehrwert zu generieren“, sagt Yvonne Rosslenbroich.

Ein zweites Jobprofil mit Zukunft ist bei der Daimler-Tochter der Spezialist für Risk Analytics & Innovation. „Dieser“, so die Personalverantwortliche, „entwickelt Risikoklassifikationen in sich permanent verändernden Umfeldern weiter und erarbeitet dafür neue Scoring-Ansätze.“

Eher klassisch geprägt sind die Aufgabengebiete für Finanzprofis bei Philips. Im deutschsprachigen Markt beschäftigt der Elektronikkonzern mit Hauptsitz in den Niederlanden Finanzexperten im Controlling, in der Steuerabteilung sowie im Accounting, also in der Haupt- und Nebenbuchhaltung sowie in der Erstellung von Jahresabschlüssen.

In der weltweiten Konzernstruktur kommen Experten für die Bereiche Treasury, Versicherungen, Internal Audit sowie M&A hinzu, die in der Regel in der Firmenzentrale in Amsterdam tätig sind. Gewandelt hat sich zuletzt die Struktur der Abteilungen: „Es gab in der Vergangenheit eine zunehmende Spezialisierung im Finanzbereich“, sagt Dr. Andreas Knüppel, Country Head of Finance für Deutschland. Der Konzern definierte Rollen neu und ordnete ihnen jeweils ein Jobprofil zu, damit noch klarer wird, welche Aufgaben der jeweilige Spezialist zu erfüllen hat.

Flexibel in klassischen Bereichen

Parallel zur Spezialisierung etablierten sich im Unternehmen Shared Service Centers, also konzentrierte Arbeitseinheiten, die an zentraler Stelle unternehmensübergreifend tätig sind. Was aber nicht heißt, dass Einsteiger, die an einem Ort ein bestimmtes Profil eingenommen haben, dort auch verbleiben.

Redaktionstipp:

Silicon Germany, Knaus
Silicon Germany, Knaus

Silicon Germany

Was muss die deutsche Wirtschaft tun, damit sie nicht abgehängt wird? Das erklärt Christoph Keese anhand zahlreicher Beispiele aus unterschiedlichen Branchen.

Anschaulich zeigt er, welche Fehler viele Unternehmen bisher in Sachen Digitalisierung gemacht haben und wie wir den Rückstand aufholen können. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2016!
Christoph Keese: Silicon Germany. Wie wir die digitale Transformation schaffen. Knaus 2016. 22,99 Euro.

„Wechsel zwischen den unterschiedlichen Rollen im Verlauf des beruflichen Werdegangs sind erwünscht und werden von uns gefördert“, sagt der Finanzverantwortliche von Philips Deutschland. Zwar besitzt ein Großteil der Finanzexperten des Unternehmens durch das jeweilige Jobprofil eher prüfende und kontrollierende Kernaufgaben, doch gilt auch für diese Kräfte das Leitbild des Konzerns: „Bei uns ist jeder Mitarbeiter Entrepreneur“, sagt Knüppel. „Auch unsere Finanzmanager denken und handeln unternehmerisch. Sie arbeiten permanent an Prozess- und Effizienzverbesserungen in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich.“

Auf dem Weg zum Echtzeitunternehmen

Wie sich das unternehmerische Denken der Mitarbeiter durch die Digitalisierung ändert, zeigt der Trend zum Echtzeitunternehmen, der vor allem die Finanzjobs verändert. Unternehmen, die in Echtzeit operieren, setzen digitale Technik ein, um Trends zu ermitteln und zu prognostizieren, neue Erkenntnisse zu gewinnen, gezielte Maßnahmen zu ergreifen und ihre Prozesse anzupassen. Und zwar nicht auf dem üblichen Weg von oben nach unten – sondern in Echtzeit, also auf allen Ebenen beinahe gleichzeitig. „In der heutigen Geschäftswelt genügt es nicht mehr, lediglich auf Ereignisse zu reagieren.

Durch den Einsatz eines Echtzeitsystems können Unternehmen sowohl Nachfrage generieren als auch der bereits vorhandenen Nachfrage gerecht werden – und zwar genau in dem Moment, in dem sich die Möglichkeit dazu bietet“, sagt Henner Schliebs, Leiter des Bereichs Finance Audience Marketing beim Softwarehersteller SAP. „Solche Vorhersageanalysen bieten Finanzexperten, die heute mehr Verantwortung denn je haben, wertvolle Hilfestellung bei Planungs-, Prognose- und Entscheidungsprozessen.“ Zudem bietet die Technik den Vorteil, einfache Finanzprozesse transparent zu machen, sodass auch andere Bereiche die Arbeit übernehmen können, die zuvor die Spezialisten beschäftigt hat. Für die Finanzprofis bedeutet das: mehr Zeit für strategisches Denken.