Krisengespräche

Foto: Tom Frenzel
Foto: Tom Frenzel
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Kaum zu glauben, dass niemand zuvor auf diese Idee gekommen ist: Der Psychologe Tom Frenzel gründete mit Kollegen die Hilfsorganisation Psychologen über Grenzen, um unabhängige und professionelle Unterstützung vor, in und nach Krisen zu leisten. Ehrenamtlich. Aufgezeichnet von Stefan Trees

Tom Frenzel, Foto: Privat
Tom Frenzel, Foto: Privat

Tom Frenzel, 35 Jahre, Dipl.-Psychologe
Projekt: Psychologen über Grenzen
Ort: Potsdam
Web: www.psychologen-ueber-grenzen.org

Wie alles begann
Die Idee zu „Psychologen über Grenzen“ hat 2008 auf dem Internationalen Kongress für Psychologie in Berlin Form angenommen, wo ich sie meinem Kollegen und heutigen Mitgeschäftsführer Gerd Reimann vorgetragen habe: Ich wollte eine psychologische Organisation nach dem Vorbild der Ärzte ohne Grenzen oder anderer in der Entwicklungszusammenarbeit tätigen Organisationen gründen. Wir waren uns in unserer Begeisterung sofort einig, dann ging die Arbeit erst richtig los. Zusammen mit einem harten Kern an ebenfalls ehrenamtlich tätigen Psychologen haben wir ab 2009 die Aufbauarbeit geleistet.

Als „Psychologen über Grenzen“ haben wir uns auf drei Arbeitsfelder spezialisiert: Eines ist die Notfallpsychologie. Man kann mit einer gezielten notfallpsychologischen Betreuung kurz nach traumatisierenden Ereignissen, also einer Krisenintervention, langwierige, schwierige posttraumatische Belastungsstörungen bei einem erheblichen Teil der Betroffenen abwenden. Krisenintervention bedeutet zu verhindern, dass sich Menschen aufgrund der Überlastung, die sich durch eine traumatisierende Situation ergeben hat, aus ihrer sozialen Umwelt und ihren sozialen Ressourcen zurückziehen. Stattdessen sollen sie aktiv bleiben, sich Unterstützung suchen und sich austauschen. Zweiter Bestandteil unserer Arbeit ist die Prävention. Viele Entwicklungsländer verfügen nicht über die psychologische Infrastruktur, Ressourcen und fachliche Kapazität und können im Krisenfall nicht auf ein so gut ausgebautes Netzwerk von professionellen Unterstützern zurückgreifen wie wir. Umso wichtiger ist es, als Betroffener zu wissen, was man machen kann, um vorbeugend die Folgen negativer Ereignisse wie beispielsweise Naturkatastrophen abzuschwächen. Das kann in schwachen Sozialstrukturen entscheidend sein. In unserem dritten Arbeitsbereich Evaluation ist die Hauptaufgabe, die Wirkung und Wirksamkeit des Erfolgs von Projekten im Non-Profit-Bereich zu beobachten, sowohl national als auch international. Weltweit ist die systematische Überprüfung von Wirkungen in der Entwicklungszusammenarbeit stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, weil man herausfinden möchte, wie die investierten Mittel noch mehr bewirken können.

Warum ich das mache
Ich halte es für ein Privileg, in einem der reichsten Länder der Welt studieren zu können. Klingt pathetisch, ist aber meine ehrliche Meinung. Ich denke, dass sozial privilegierte Menschen wie ich, die nur deshalb Zugang haben zu den besten international anerkannten Ausbildungen, weil sie zufällig in ein reiches Land geboren worden sind, automatisch eine Verantwortung tragen, ob sie wollen oder nicht. Ich nenne das angeborene Mitverantwortung für diejenigen, denen es nicht so gut geht. Ich werde häufiger für diese Ansicht belächelt und halte das für ein deutsches Spezifikum. In den USA ist dieser Gedanke für die meisten gar nicht außergewöhnlich. Wer in den USA ein Stipendium erhalten möchte, muss erst einmal nachweisen, wie er sich für das Gemeinwohl engagiert. Das ist dort viel selbstverständlicher. Ich wünsche mir, dass sich ehrenamtliches und uneigennütziges Engagement auch bei uns im allgemeinen Wertekanon durchsetzt.

Was es bislang gebracht hat
In der psychologischen Landschaft – und da spreche ich nicht nur von Deutschland – war es noch niemandem aufgefallen, dass es im Unterschied zum Beispiel zu ärztlichen Organisationen noch keine psychologische Hilfsorganisation gab. Dabei haben wir als Psychologen Einiges zu bieten, immerhin verfügen wir über solide wissenschaftliche Erkenntnisse aus 50 Jahren intensiver empirischer und theoretischer Forschung. Es ist allerdings nicht so, dass wir mit offenen Armen begrüßt werden. Wir bekommen zu hören: Jetzt wollen auch noch Psychologen Entwicklungszusammenarbeit machen. Da ist wohl noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

In den vergangenen vier Jahren haben wir unter anderem strategisch und präventiv in der Notfallpsychologie gearbeitet. Beispielsweise haben wir Wissenschaftler der Uni Köln im Rahmen einer notfallpsychologischen Schulung auf ihre Reise nach Bangladesch vorbereitet, die sie mit einer Forschungsfrage in die Slums von Dhaka führte: Wie kann man den Menschen vor Ort vermitteln, dass Flutereignisse in Zukunft wahrscheinlich häufiger und heftiger auftreten können und dass Vorsorgemaßnahmen schlimmere Folgen für sie und ihre Kinder verhindern können?

Im November 2010 sind wir dann selbst in die Hauptstadt Bangladeschs gereist, um im Rahmen eines Evaluations- Auftrags die Wirkung des Slum- Schulprojekts der Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“ zu überprüfen. Diese Schule hat sich in den vergangenen etwa zwanzig Jahren mit Unterstützung der „Ärzte für die Dritte Welt“ aus Deutschland und Österreich enorm weiterentwickelt: Früher war es eine einfache Slumhütte mit wenigen Schülern, mittlerweile wird dort etwa 750 Kindern aus dem Großstadtslum eine Schulbildung ermöglicht. Um die Wirksamkeit der Schule für die Kinder und deren Familien noch weiter zu erhöhen, haben wir verschiedene Vorschläge zur Weiterentwicklung des Projekts erarbeitet.

In Dhaka hatte ich die Gelegenheit, mir einige Hinterhof-Produktionsanlagen anzusehen, die es dort zahlreich gibt. Was ich gesehen habe, war schier unerträglich für westeuropäische Augen – und wir waren nicht mal im schlimmsten Slumgebiet. Nun bin ich umso entschlossener, als Arbeitspsychologe bei „Psychologen über Grenzen“ meine Unterstützung auch zu den Themen Arbeitsschutz und Arbeitsorganisationsbedingungen von Unternehmen in Entwicklungshilfeländern anzubieten.