Bildung
19.05.2003
Das Zünglein an der Waagevon Anne Thesing
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Nach der Reform der Juristenausbildung erhalten Zusatzqualifikationen im Jurastudium mehr Gewicht – Qualifikationen, die den erfolgreichen Start ins Berufsleben erleichtern. Doch wo können sich Juristen diese Qualifikationen außerhalb der Uni aneignen?
Statements zur Juristenausbildung:
Thomas Steiner, Richter und Staatsanwalt, referierte bei den Münchener Workshops zum Verhandlungsmanagement:
Steiner: „Die bisherige Ausbildung war wenig spezifisch. Sie hat sich am Einheitsjuristen orientiert, der alles kann aber relativ unvorbereitet in seine praktische Berufstätigkeit entlassen wird.“ (Thomas Steiner, Richter und Staatsanwalt, Referent bei den Münchener Workshops zum Verhandlungsmanagement)
John Barnett, Co-Principal der Cambridge Academy of English:
Barnett: Unser Ziel ist es, dass jeder Kursteilnehmer am Ende seines Kurses das Gefühl hat, dass er seine Zeit und sein Geld gut investiert hat und dass er das Gelernte bei seiner Arbeit anwenden kann.
(John Barnett, Co-Principal der Cambridge Academy of English)
Torsten Harms, Rechtsanwalt und Trainer für Rhetorik:
Harms: „Unter Rhetorik verstehe ich ganz einfach das Gespräch – entweder das Einzelgespräch, das Gespräch in kleinen oder in großen Gruppen. Das Wichtige ist, dass man sich auch in großen Gruppen so verhält wie im Zwiegespräch: Auch hier muss man aufnehmen, was die anderen sagen.“ (Torsten Harms, Rechtsanwalt, Trainer für Rhetorik)
Dr. Katja Mihm ist Geschäftsführerin des Deutschen Anwaltsinstituts:
Mihm: „Die neue Ausbildung ist ein gelungener Kompromiss. Zum einen behalten die Referendare durch die allgemeine Grundausbildung Einblick in alle Berufsbereiche – Justiz, Verwaltung und Anwaltsschaft. Zum anderen erhalten die Schwerpunkte mehr Gewicht als bisher und werden früher gesetzt – so kann gerade auch der angehende Anwalt seine Ausbildung schon rechtzeitig in eine bestimmte Richtung lenken.“ (Dr. Katja Mihm, Rechtsanwältin, Geschäftsführerin Deutsches Anwaltsinstitut e.V.)
Zu den Schlüsselqualifikationen, die künftig in die Studieninhalte aufgenommen werden, zählen Fremdsprachen, Verhandlungsmanagement Rhetorik, Gesprächsführung, Streitschlichtung, Mediation und Vernehmungslehre. Darüber hinaus wird das Gewicht der Wahlfächer zunehmen – so können sich die Studierenden schon früher auf ein Rechtsgebiet spezialisieren.
Die Reform reagiert damit auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes. Auch alle, die nicht von der Reform erfasst werden, tun also gut daran, sich durch Weiterbildungen zu qualifizieren.
Faktor „Verhandlungsmanagement“
„Selbst Menschen, die intuitiv gut verhandeln, sollten sich bewusst mit Schlüsselfaktoren des Verhandelns auseinander setzen. In unseren Seminaren geben wir den Teilnehmern diese Schlüsselqualifikationen an die Hand und helfen ihnen, eine Struktur zu entwickeln.“
So fasst Thomas Steiner, Referent bei den Münchener Workshops für Verhandlungsmanagement, Zweck und Inhalt seiner Seminare zusammen. Vor allem geht es ihm um konkrete Handlungsanleitungen für den Berufsalltag von Juristen. Als besonders verhandlungsintensiv schätzt Thomas Steiner beispielsweise die Arbeit eines Juristen ein, der als Personalführer in einem Unternehmen arbeitet. Doch egal in welcher Sparte Juristen tätig sind, Verhandlungen gehören fast immer zum Tagesgeschäft – sei es vor Gericht, mit Mandanten, für Mandanten oder mit dem Gegner.
Innerhalb von zwei Tagen vermitteln die Münchener Workshops die nötigen Grundkenntnisse – intensiv und spielerisch. „In Simulationen verkaufen die Referendare zum Beispiel ein Schiff, sanieren ein Unternehmen oder vermitteln eine Cola-Abfüllanlage nach Kolumbien. Ausgehend von diesen Spielen entwickeln wir dann die passende Strategie. Diese Art des Lernens macht den Teilnehmen große Freude. Sie können viel ausprobieren und erhalten ein Feedback aus der Gruppe und von den Trainern“, erklärt der Referent.
Die Workshops sind in die bayerische Referendarsausbildung integriert. Bayerische Referendare können also kostenlos an den Seminaren teilnehmen. Für alle anderen ist der Workshop kostenpflichtig. Teilnehmen können natürlich nicht nur Juristen. Die Interessenten kommen, so Steiner, aus unterschiedlichsten Bereichen. Vom Biochemiker bis zum Informatiker sind sämtliche Berufsgruppen vertreten, die in ihrem Alltag mit Verhandlungen aller Art konfrontiert sind.
Faktor „Fremdsprachen“
„Durch die Globalisierung und die Eröffnung von internationalen Märkten haben Juristen immer mehr mit internationalen Partnern zu tun. Oft erfordert ihre Arbeit das Verstehen von ausländischen Rechtssystemen und Fremdsprachen“, betont John Barnett, Co-Principal der in England ansässigen Cambridge Academy of English.
Seine Sprachschule bietet unter anderem Englischkurse für Juristen an – und der Brite hat einige Tipps, worauf Rechtswissenschaftler bei der Auswahl einer Sprachschule im Ausland achten sollten. Die Schule sollte von offizieller Stelle – zum Beispiel vom British Council oder der ARELS (Association of Recognised English Language Schools) anerkannt sein. „Und erkundigen Sie sich im Voraus, ob die Lehrkräfte in Jura ausgebildet sind oder Erfahrung im juristischen Bereich haben. Dadurch können Sie herausfinden, wie professionell ihre Kurse sind“, rät der Experte. Auch sollten künftige Sprachschüler darauf achten, dass der Schulort ihnen gefällt und die Klassengröße ihren Vorstellungen entspricht. Kostenlose Hilfe bei der Auswahl der richtigen Schule bietet beispielsweise der unabhängige Berater Daniel Baruch (Adresse: siehe unten).
Ist die Entscheidung für einen Ort und eine Schule gefallen, kann und sollte es losgehen – auch wenn die Zeit noch so knapp ist. „Juristen haben oft nur wenig Zeit für Intensivkurse, meist nur ein bis zwei Wochen. Also ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie das Optimale aus diesem Kurs herausholen“, beschreibt John Barnett seine Aufgaben. Doch egal, ob kurzer Sprachkurs oder längerer Auslandsaufenthalt – im Ausland verbrachte Zeit optimiert in jedem Fall die Chancen auf einen Job. „Noch vor einigen Jahren verstand man die Beschäftigung mit Fremdsprachen nicht selten als Ablenkung vom rein Juristischen und einem sich Drücken vor wahren juristischen Qualifikationen. Der Auslandsaufenthalt wurde bisweilen gar als ‚Ferienlager‘ abgetan“, erinnert sich Tobias Lenz, Partner bei der Kölner Kanzlei Graf von Westphalen Bappert & Modest. „Diese Zeiten sind jetzt glücklicherweise vorbei. Denn ohne regelmäßig im Ausland erworbene (englische) Sprachkenntnisse fällt es Absolventen heute nicht mehr leicht, in größeren Anwaltskanzleien eine Startchance zu erhalten.“
Faktor „Rhetorik“
„Zunächst einmal geht es darum, die Sprache der Mandanten zu sprechen und zu verstehen“, meint Torsten Harms und spricht dabei aus eigener Erfahrung. Als „Landanwalt“, wie er sich selbst bezeichnet, hat er die unterschiedlichsten Mandanten – vom Sozialhilfeempfänger bis zum gut dotierten Unternehmer. Bei den Mandantengesprächen helfen ihm seine Rhetorikkenntnisse, die er als Rhetoriktrainer auch anderen Juristen vermittelt. Unter anderem gibt er an der Deutschen Anwaltakademie das zweitägige Seminar ‚Richter überzeugen, Mandanten gewinnen‘. „In unseren Seminaren arbeiten wir sehr viel mit Rollenspielen. Deswegen müssen die Teilnehmer auch eine Robe mitbringen. Das klingt zunächst etwas seltsam, aber die Teilnehmer versetzen sich sehr schnell in ihre Rolle hinein“, erklärt der Dozent. Sein Tipp: „Gut vorbereitet geht man sehr viel ruhiger an eine Sache heran und kann auch viel überzeugender wirken.“ Grundkenntnisse der Rhetorik können manch einem Mandantengespräch zum Erfolg verhelfen. Doch Torsten Harms warnt vor falschen Versprechen, wie sie zurzeit so gerne von Coaches und Trainern gemacht werden: „Immer wenn jemand behauptet, er hätte das Wundermittel in der Tasche, dann ist das verdächtig.“ In seinen Seminaren bleibt er auf dem Boden der Tatsachen. „Ziel ist es unter anderem, die positiven Eigenschaften jedes einzelnen zu kultivieren und die negativen – zum Beispiel das lästige ‚äh‘ – abzustellen beziehungsweise das Bewusstsein dafür zu schärfen.“
Das Seminar der Deutschen Anwaltakademie richtet sich an fertig ausgebildete Juristen. Für Referendare gibt es auch preisgünstigere Varianten. „Zum Beispiel bieten politische Stiftungen spezielle Kurse für Referendare an.“, weiß Torsten Harms. „Eine andere Alternative ist ein allgemeiner Kurs an einer Volkshochschule. Anschließend kann man sich mit entsprechender Literatur weiter in das Thema einarbeiten.“
Faktor „Spezialisierung“
„Ohne Spezialisierung auf ein bestimmtes Rechtsgebiet haben Anwälte kaum Chancen, sich auf dem Markt durchzusetzen“, meint Katja Mihm, Geschäftsführerin des Deutschen Anwaltsinstituts. „Den ‚Feld-Wald-Wiesen-Anwalt‘ gibt es in der Berufspraxis kaum noch“, erklärt sie. Statt dessen werden die Berufsbilder immer spezieller. Ihrer Meinung nach sollte schon mit der Entscheidung für die Anwaltschaft auch die Entscheidung für einen bestimmten Rechtsbereich fallen – eventuell auch schon für einen Fachanwalt.
Das Deutsche Anwaltsinstitut bietet in den sieben Fachgebieten Verwaltungs-, Steuer-, Arbeits-, Sozial-, Familien-, Straf- und Insolvenzrecht Fachlehrgänge an. Voraussetzung für eine Fachanwaltschaft ist eine dreijährige Anwaltszulassung und anwaltliche Tätigkeit – mit Fällen aus dem angestrebten Fachgebiet – innerhalb der letzten sechs Jahre vor Antragstellung. Hinzu kommt der Fachlehrgang, auf dem in mindestens 120 Zeitstunden und drei Klausuren die theoretischen Kenntnisse vermittelt werden.
Dass eine frühere Spezialisierung immer wichtiger wird, zeigt die Teilnehmerstruktur am Institut. „Schon Referendare besuchen unsere Seminare. Die Spezialisierung setzt immer früher ein und wird auch immer stärker betrieben“, erkennt Katja Mihm und betont, dass sich auch Referendare den Lehrgang später für den Erwerb der Fachanwaltschaft anrechnen lassen können.
Auf den Trend zur Spezialisierung reagiert ihr Institut mit einer Ausweitung der Lehrgänge. Neu sind zum Beispiel die Kurse Bau-, Gesellschafts- und Versicherungsrecht. Und da es mit dem Erwerb der Fachanwaltschaft nicht getan ist, wird auch das weiterführende Seminarangebot ständig ergänzt. „Fachanwälte müssen nach dem Erwerb jedes Jahr mindestens zehn Stunden Fortbildungen in ihrem Gebiet besuchen. Sonst können sie ihre Zulassung wieder verlieren“, betont Mihm. Also: Das Lernen geht weiter – ein Leben lang.
Weitere Informationen:
Anbieter Verhandlungsmanagement:
Münchener Workshops zum VerhandlungsManagement GbR
Christian Bühring-Uhle
Horst Eidenmüller
Andreas Nelle
c/o Hogan & Hartson Raue L.L.P.
Potsdamer Platz 1
10785 Berlin
Anbieter für englische Sprachkurse:
Cambridge Academy of English
65 High Street, Girton
Cambridge CB3 OQD
England
The London School of English
15 Holland Park Gardens
London W 14 8DZ
England
Hilfe bei der Auswahl der Sprachschule:
Language Training Consultant
Daniel Baruch, BSc, MA
Fichardstr. 38
60322 Frankfurt/Main
Fon: 069/5970411
Weitere Infos zu Sprachkursen:
Anbieter von Rhetorikkursen:
Deutsche AnwaltAkademie
Littenstr. 11
10179 Berlin
Fon: 030/726153-0
Fax: 030/726153-111
RAThaus
Torsten Harms
Rhetorik für die Examensvorbereitung und die Praxis
Uetzer Weg 19
29339 Wathlingen
Fon: 05144/92302
SPRACHINGENIEURIN
Astrid Katrin Göschel M.A. (Magister Artium, Allgemeine Rhetorik und Deutsche Linuistik)
Anne-Frank-Strasse 35
72764 Reutlingen
Fon: 07121-37 11 00
Fax: 07121-37 11 23
Henri-Nannen-Schule Berlin
Karl-Liebknecht-Str. 29
10178 Berlin
Fon: 030/23275505
TRIALOG
Rhetorik und Kommunikation für Juristen
Manfred Bohn
Bannwaldseestr. 19
81379 München
Fon: 089/843847
Politische Stiftungen:
Anbieter von Fachanwaltslehrgängen:
Deutsches Anwaltsinstitut e.V.
Universitätsstr. 140
44799 Bochum
Fachanwaltslehrgang „Strafrecht“:
Fernuniversität Hagen
Institut für Juristische Weiterbildung
Universitätsstr. 21 / AVZ I
58084 Hagen
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