16.08.2004
Crashkurs in Finanz- und Wirtschaftsgeschichtevon Julia Scho |
Sie steigen demnächst als Trainee in eine Aktiengesellschaft ein? Punkten Sie bei Ihrem nächsten Bewerbungsgespräch mit Basiswissen.
Irgendwo auf dem Indischen Ozean, Jahre vor der Gründung der ersten Aktiengesellschaft: Die See ist stürmisch, die Wellen tosen und bäumen sich meterhoch auf, Blitze zucken über den nächtlichen Himmel und tauchen ihn für einen Moment in taghelles Licht. Einige Schiffe bahnen sich ihren Weg durch die tobenden Fluten. Die ganze Mannschaft kämpft gegen die gigantischen Naturgewalten an. Manche Brecher sind unerbittlich und zerren einen Seemann vor den Augen der hilflosen Crew für immer in die tiefe See. Ganze Flotten verschwinden in den Stürmen und werden nie wieder gesehen, andere geraten an die Enterhaken skrupelloser Piraten.
Manchmal erreichte ein Schiffsverband unbeschadet Indien, um Gewürze, chinesisches Porzellan oder Rohdiamanten in die Heimat zu bringen. Doch Unglücke und Überfälle schmälerten den Gewinn und trieben manchen Geschäftsmann gar in den Ruin. Daher schlossen sich immer mehr Kaufleute zusammen, um solche gefährlichen Unternehmen gemeinsam zu finanzieren. Bei erfolgreicher Überfahrt der Handelsschiffe wurde der Gewinn anteilsmäßig unter den Kaufleuten verteilt.
Elf dieser Vorkompanien schlossen sich im Jahre 1602 zur Holländisch-Ostindischen Kompanie (V.O.C.) zusammen, der ersten Aktiengesellschaft der Wirtschaftsgeschichte. Ihre Anteile wurden an der weltweit ersten Wertpapierbörse in Amsterdam gehandelt. In den Jahren nach ihrer Gründung blieb das Thema Aktien hauptsächlich auf den Fernhandel begrenzt.
Erst im 19. Jahrhundert, mit der einsetzenden Industrialisierung, breiteten sich die Aktiengesellschaften auf der ganzen Welt aus. Heute sind sie ein fester Bestandteil der Wirtschaft. Abgesehen von der Einführung des Münzwesens hat wohl kein anderes Finanzinstrument das Leben der Menschen so nachhaltig beeinflusst wie die Aktie - und das binnen weniger Jahrhunderte.
Was ist eine Aktiengesellschaft?
Aktiengesellschaften zählen heutzutage zu den Hauptarbeitgebern schlechthin. Allein im Jahr 2003 wurden bis zum April 15 000 Aktiengesellschaften in Deutschland registriert.
Doch was ist eigentlich eine Aktiengesellschaft? Was sind Wertpapiere? Und warum verewigen sich berühmte Persönlichkeiten auf diesen Papieren?
Wer sich bei diesen Fragen überfragt fühlt, muss jetzt nicht mehr lange im Dunkeln tappen, denn in der Schweiz zeigt ein Museum das Reich der Wertpapiere: Die "Wertpapierwelt". Das erste internationale Museum für historische Wertpapiere öffnete am 10. Juli 2003 seine Pforten - für Kenner der Wertpapiere und für diejenigen, die es noch werden wollen.
Gezeigt wird ein Teil der über 7000 Sammlerstücke aus 160 Ländern, darunter einige Raritäten von den Anfängen der Aktiengesellschaften aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Besonderen Reiz haben handsignierte Wertpapiere von berühmten Persönlichkeiten: Ob eine Unterschrift von Thomas Edison, Goethe, Rockefeller oder Arnold Schwarzenegger, sie alle steigern den Wert des Papiers.
Historische Wertpapiere erfreuen sich heute bei Sammlern wachsender Beliebtheit: Die Nachfrage steigt, doch das Angebot wächst kaum noch. Daraus resultieren inzwischen Spitzenpreise im sechsstelligen Bereich. Wie aber gelangten die Schweizer an solche Schätze?
Die Wertpapiere gehen auf Wanderschaft
Die Antwort kommt aus Deutschland: Der Düsseldorfer Jakob Schmitz kaufte 1980 eine Aktie der Standard Oil Company, handsigniert von John D. Rockefeller für damals rund 2600 Mark - heute ist sie das Achtfache wert.
Eine Sammelleidenschaft war geboren. Der frühere Personaldirektor von Stinnes und spätere Kommunikationschef der Victoria Versicherungen sammelte, besuchte Händler und reiste zu Auktionen rund um die Welt. Mit den Jahren entstand die bedeutendste Sammlung historischer Wertpapiere weltweit.
Im Jahr 2001 entschloss sich Jakob Schmitz dazu, seine große Sammlung in ein neues Museum einzubringen und ihr in der Schweiz ein dauerhaftes Zuhause zu geben. So wurde sie allen zugänglich gemacht.
Wer erweckte die "Wertpapierwelt" zum Leben?
Die Wertpapiere kommen aus Deutschland und die Initiative aus der Schweiz, nämlich von der SIS Swiss Financial Services Group AG, kurz SIS Group. Die SIS Group gehört zum Schweizer Finanzdienstleistungsunternehmen SIS Financial Service Group. Sie verwahrt Wertpapiere, nimmt Eigentumsübertragungen zwischen Handelsparteien vor und kümmert sich um alle damit verbundenen Aufgaben rund um die Sicherheit oder administrative Fragen.
Den 400. Geburtstag der Aktie nahm die SIS zum Anlass, das erste Aktienmuseum der Welt zu eröffnen. Ziel ist es, der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die wirtschaftliche Bedeutung der Aktiengesellschaften zu geben und ihre Geschichte für die Zukunft zu bewahren: "Erzähle mir die Vergangenheit und ich werde die Zukunft erkennen", wusste schon Konfuzius.
Das Museum zeigt die Geschichte der Aktiengesellschaften: Historische Wertpapiere geben einen Aufschluss über die Ups and Downs der Wirtschaftsgeschichte. Ob "Schwarzer Freitag" oder Wirtschaftsboom - ohne Aktiengesellschaften gäbe es keinen Welthandel, keine Industrialisierung und keine modernen Verkehrsmittel. Das Museum zeigt die guten Jahre der Aktien, auch die Skandale rund um das Börsenparkett werden nicht verschwiegen.
Über 80 ausgewählte Exponate, die zum Teil bisher noch nirgends zu sehen waren, wurden in der Eröffnungsausstellung gezeigt. Informative Texte führen den Besucher in die Materie ein und geben ihm einen Überblick. Das Museum ist ideal für historisch und wirtschaftlich interessierte Besucher, die hier in kurzer Zeit einen Intensivkurs in Wirtschaftsgeschichte absolvieren können. Ein erneuter Besuch in der "Wertpapierwelt" lohnt sich, denn jedes Jahr bietet das Museum zwei neue Ausstellungen aus dem riesigen Fundus seiner historischen Depots.
Eine Reise um die Welt
Rund um die Welt reist der Besucher des Museums und erkundet die Geschichte der Wertpapiere. Von den Niederlanden, über Spanien, England, bis in die USA, Australien, Asien und Afrika, geht die Wanderschaft. Viele Projekte der Geschichte wurden durch Wertpapiere finanziert, das Museum zeigt einige von ihnen: unter anderem eine Aktie der "East India Company", die den Beginn der Aktiengeschichte markiert, oder eine chinesische Eisenbahnanleihe. Die Wertpapiere sind allein schon durch ihre internationale Vielfalt interessant, doch einige haben noch eine andere Besonderheit.
Ob Andrew Carnegie oder Johann Strauß - berühmte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Technik und Kultur verewigten sich auf Wertpapieren und machten diese damit zu besonders interessanten Zeugen der Vergangenheit. Die Signaturen von Kaiserin Maria Theresia, Cornelius Vanderbilt, Andrew Carnegie und Charles Chaplin sind nur einige Highlights der Sammlung, die auf außergewöhnliche Weise dokumentiert, wie sehr neue Ideen die Welt verändern und bewegen können.
"Reich und mächtig, berühmte Persönlichkeiten der Geschichte auf Aktien und Anleihen" heißt deshalb die neue Ausstellung des Museums, die im Mai 2004 in Olten eröffnet worden ist.
Das ist die SIS:
Die Swiss Financial Service Group AG, kurz SIS, gehört zu dem Schweizer Finanzdienstleistungsunternehmen SIS Financial Service Group. Sie ging 1999 aus der Fusion mit der 1970 gegründeten Sega Schweizerischen Effekten Giro AG und der Swiss Corporation for International Securities Settlements (Intersettle) hervor.
Das Unternehmen bietet seit über 30 Jahren Dienstleistungen rund um die Abwicklung und Aufbewahrung von Wertschriften an. Dazu gehören nicht nur die Verwahrung von Wertpapieren und Eigentumsübertragungen zwischen Handelsparteien, sondern auch alle damit verbundenen Aufgaben im Bereich der Sicherheit oder administrativer Art.
Die SIS Group ist heute ein weltweit führender Anbieter entsprechender Banken-, Börsen- und Finanzdienstleistungen.
Das ist der Sammler:
Ein Feuerwerk kündigte sein Kommen an: Am Neujahrstag 1938 wurde Jakob Schmitz an der Nahtstelle zwischen Deutschland und den Niederlanden geboren. Der Diplom-Betriebswirt war langjähriger Personaldirektor bei Stinnes und fast zwei Jahrzehnte verantwortlicher Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei den Victoria Versicherungen.
Nebenbei baute Jakob Schmitz innerhalb von 20 Jahren die wirtschafts- und finanzhistorisch international bedeutendste Sammlung historischer Wertpapiere auf. Er gehört zu den anerkannten Experten für historische Wertpapiere und Wertpapiergeschichte. 1982 schrieb er das weltweit erste Buch über historische Wertpapiere. Seine Wertpapier-Sammlung ist seit 2003 in einem eigens dafür von der SIS Group in der Schweiz gegründeten Museum zu bestaunen.
Lit-Tipp:
Jakob Schmitz: "Historische Wertpapiere", 256 Seiten, Econ-Verlag, München; Jakob Schmitz: "Aufbruch auf Aktien", 497 Seiten, zu beziehen über das Museum Wertpapierwelt, Olten
Trip-Tipp:
Museum Wertpapierwelt, Basler Strasse 90, CH-4600 Olten / Schweiz , Fon: 0041 62 311 6622
Link-Tipp:
www.wertpapierwelt.ch 