16.08.2004
Wirtschaftstrainer: Szenenwechselvon Anne Thesing |
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"Sie können hier gerne jede Stunde unterrichten, das hat wirklich großen Spaß gemacht." Lächelnd nimmt Anastasios Karantonas dieses positive Feedback der Schülerin entgegen.
Die Stimmung in der 9. Klasse der Gesamtschule Köln-Porz ist gut - trotz der äußeren Umstände: Der Klassenraum ist mit einem dunklen, verdreckten Teppich ausgelegt, in den Ecken liegen zerknüllte Papierfetzen, die Ränder der Klassentür sind abgesplittert, die Ausstattung ist minimal: Stühle, Tische, ein Pult, Tafel, und - immerhin - ein Overhead-Projektor. Nur vereinzelt hängen alte Bilder an den schmuddeligen Wänden, die Luft ist muffelig und verbraucht.
"Man kann nicht einmal alle Fenster öffnen", klagt Lehrer Lehmann, der gerade aus der Pause zurückkehrt. Kurz: Diese lieblose Umgebung macht es den Lehrern nicht gerade leicht, sich selbst und die Schüler für den Unterricht zu begeistern. Doch Anastasios Karantonas ist genau das gelungen.
Dabei ist er eigentlich nicht Lehrer, sondern Filialleiter der Citibank in Köln-Ehrenfeld. Zwischen Porz und Ehrenfeld liegen zirka 20 Autominuten, aber die gefühlte Entfernung ist sehr viel größer. Es sind 20 Minuten, die zwei Welten voneinander trennen.
Chefetage auf Augenhöhe
Szenenwechsel. Die Citibank-Filiale mitten in der Ehrenfelder Einkaufsstraße ist einladend und freundlich gestaltet. Helle Möbel, helle Wände, modernste EDV-Ausstattung, Klimaanlage, schicke Plakate. Am Empfang lächelt eine freundliche Dame, die Angestellten sitzen akkurat gekleidet an ihren Schreibtischen.
Unser Gespräch findet im "Chefzimmer" statt. Es ist kein abgeschiedenes Hinterstübchen, in das sich der Filialleiter zurückziehen kann, sondern ein offenes, durch Glasscheiben abgetrenntes Büro. "Denken Sie nicht, dass ich hier den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitze. Ganz im Gegenteil, ich bin mitten im Geschehen. Als Vorgesetzter habe ich eine Vorbildfunktion und muss auch mit anpacken können", betont Karantonas und fährt sich durch sein pechschwarzes Haar. "Das fängt schon an, wenn ich durch die Filiale laufe und direkt mit den Kunden ins Gespräch komme. Mir macht der Job unheimlich Spaß."
Seit Februar dieses Jahres ist der 29-Jährige Filialleiter in Köln-Ehrenfeld und steht damit an der Spitze von zehn Mitarbeitern. "In einer Bankfiliale fallen viele Aufgaben an. Ich persönlich lege zum Beispiel zusammen mit dem Vertriebsdirektor in den Businessplänen unsere Strategien fest. Außerdem bin ich sehr aktiv in der Mitarbeiterentwicklung: Unsere Mitarbeiter werden in der Anfangsphase intensiv begleitet, danach werden sie weiter gefördert. Schließlich muss der Rahmen stimmen."
Anastasios Karantonas tritt als souveräner Geschäftsmann auf, der von Kunden und Mitarbeitern gleichermaßen geschätzt wird. Ab und zu ruft man ihn während unseres Gesprächs raus, einige Angelegenheiten können eben nicht warten. Kaum vorstellbar, dass er in einer knappen Stunde als Wirtschaftstrainer mit 16-jährigen Gesamtschülern über die Vor- und Nachteile von Markenklamotten plaudern wird.
Exot unter Skatern
Zurück in Köln-Porz. Die Schüler der Gesamtschule sind bunt gemischt. Hauptschul- bis Gymnasialniveau, unterschiedlichste Nationalitäten. Viele von ihnen kommen aus sozial schwachen Familien und wohnen in einem der düsteren Wohnblöcke, die sich vor den Schultoren erheben.
Zunächst scheint Karantonas mit seinem Schlips- und Kragen-Outfit etwas fehl am Platz zu wirken. Bei den Schülern dominiert lässiger Skater-Look, die Mädchen haben es gerne eng und bauchfrei, im Lehrerzimmer sind die Jeans- und Turnschuhträger in der Überzahl.
Aber vielleicht ist gerade das sein Vorteil. Für die Schüler ist er etwas Besonderes, fast schon ein Exot. Und dass er sich bestens mit ihnen versteht, wird schon beim Betreten des Schulhofes deutlich: "Hallo Herr Karantonas! Cool, dass Sie da sind, dann haben wir ja gleich wieder bei Ihnen Unterricht", wurde er neulich von einem Schüler begrüßt. Beim Gedanken daran leuchten die großen, dunklen Augen des gebürtigen Griechen. "Ein schönes Feedback ist das", meint er stolz.
Da sein ist alles
Was macht nun ein Banker an einer Gesamtschule? Anastasios Karantonas ist einer von mittlerweile 300 Citibankern, die im Rahmen des Projekts "Fit für die Wirtschaft" als Trainer an deutsche Schulen gehen. Ziel des Projektes ist es, den Schülern finanzielle Basiskenntnisse zu vermitteln und sie für den richtigen Umgang mit Geld zu sensibilisieren. In zehn Unterrichtsstunden geht es um Themen wie Traumberuf, Bewerbungstraining, Geld, Konsum und Finanzwelt.
"Die Lehrer freuen sich über Unterstützung in Bereichen, in denen es große Lücken gibt", fasst Citibank-Pressesprecherin Astrid Thomessen das Feedback der Schulen zusammen. Und die Bank fördert die ökonomische Bildung und kreiert sich gleichzeitig ein positives Image. "Ohne dabei für unsere Bankprodukte zu werben", betont Astrid Thomessen. "Das ist erstens gesetzlich verboten und könnte zweitens auch nicht funktionieren, weil die Lehrer das nicht unterstützen würden."
Für die Citibank geht es also vor allem um die Präsenz. "Schließlich gehe ich ja auch zum Stadtfest und unterhalte mich dort mit den Bürgern", nennt Karantonas ein anderes Beispiel. "Auch dort geht es nicht darum, Produkte zu verkaufen, sondern einfach offen und engagiert vor Ort zu sein." Kontakte zu knüpfen ist eben eine wichtige Aufgabe. Auch und vor allem für einen Filialleiter.
Bei Karantonas kommen noch Idealismus und Spaß an der Sache hinzu. "Ich habe mich schon immer im sozialen Bereich engagiert. Ob das jetzt ein Kirchenverein war oder die Erstsemesterbetreuung an der Uni: Ich habe immer sehr viel Spaß daran gehabt, mein Wissen an andere weiterzugeben." Da kam ihm das Projekt "Fit für die Wirtschaft" gerade recht.
Pilotphase und Startschuss
Die Projektidee geht auf ein Lehrkonzept von Junior Achievement International (JAI) zurück - der weltweit größten gemeinnützigen Organisation aus den USA zur Förderung wirtschaftlicher Kenntnisse von Schülern. Finanzielle Unterstützung erhält das Programm von der Citigroup Foundation, der gemeinschaftlichen Stiftung der Citigroup Unternehmen.
In Zusammenarbeit mit dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das auch Partner von JAI ist, hat die Citibank dieses Konzept den deutschen Verhältnissen angepasst. "2002 lief bei uns die Pilotphase", erklärt Astrid Thomessen. "Mit 20 Klassen haben wir angefangen. Im Mai 2003 war offizieller Start und für 2004 erwarten wir, dass 250 Klassen teilnehmen."
Der Ablauf ist ganz einfach: Ausgewählte Citibanker können sich freiwillig als Wirtschaftstrainer zur Verfügung stellen, Schulen können sich für die Teilnahme beim IW bewerben. Auf Schulungen lernen sich Banker und Lehrer kennen, die Programmmodule werden vorgestellt, die Unterrichtsmaterialen besprochen. Für die zehn Unterrichtsstunden, die die Banker pro Klasse geben, werden sie von ihrer Arbeit freigestellt.
Zeitreise in die Vergangenheit
Das Unterrichtsthema seiner heutigen Stunde lautet "Erstelle dein persönliches Budget". Bevor Karantonas seine Filiale verlässt, um in die Lehrerrolle zu schlüpfen, sucht er noch schnell einige Folien zusammen und kopiert Seiten aus dem Schülerheft. In Gedanken ist er schon bei seinen Schülern - die Grenzen zwischen den zwei Welten beginnen zu verschwimmen. Auf seinem Schreibtisch, neben Finanzbroschüren und Aktenordnern, liegen schon einige Schokobons-Tüten bereit. Die braucht er für seine ganz persönliche Lehrmethode.
30 Minuten später betritt er die Schule und läuft zielstrebig in Richtung Klasse. "Beim ersten Mal war das schon etwas ungewohnt", gibt er zu. "Dieses Gefühl, über den Schulhof zu gehen, die Pausenglocke zu hören, die Schüler in den Gängen zu beobachten. Es war komisch, auf der anderen Seite zu stehen, da war schon ein nervöses Kribbeln. Sogar der Geruch ist noch genauso wie zu meinen Schulzeiten. Ob die immer noch das gleiche Putzmittel benutzen? Das war wie eine Zeitreise", lacht er.
Mittlerweile hat er sich in seine Lehrerrolle eingelebt und fühlt sich sichtlich wohl darin. Bevor er mit dem Unterricht startet, plaudert er locker mit den Jungs über die neuesten Computerspiele. Der ein oder andere Schüler bekommt auch schon ein Schokobon zugeworfen. Das kommt gut an und funktioniert. Nach einigen Minuten hat sich die anfängliche Unruhe gelegt und beim Thema "Persönliches Budget" beteiligt sich mindestens die Hälfte der Schüler. Für diese Klasse ist das ein sehr guter Schnitt.
"Maik zum Beispiel sagt sonst keinen Ton. Aber bei Herrn Karantonas hat er sich wegen seiner cleveren Beiträge schon den Spitznamen ‚Jurist' eingehandelt", begeistert sich der Lehrer Lehmann, der den Unterricht aus der letzten Reihe verfolgt. "Manche Schüler sind eine echte Herausforderung", bestätigt der Wirtschaftstrainer. "Besonders die Desinteressierten und Gelangweilten."
Aldidas statt Adidas?
"Hättet ihr gerne mehr Taschengeld?", steigt Karantonas in den Unterricht ein. - "Ja, klar" (Gelächter) "Wer von euch arbeitet denn noch neben der Schule?" - "Ich, bei der Garderobe in der KölnArena." - "Wofür braucht Ihr denn mehr Geld?" - "Für Computerspiele, Handys, Kino, Klamotten,…"
Auf jede seiner Fragen erhält Karantonas prompt mindestens eine Antwort. Mal mehr, mal weniger diszipliniert. Wenn der Lärmpegel zu sehr steigt, hat er seine Kids schnell wieder im Griff. Mit Schokobons für Handzeichen oder mit strengen Blicken für Störenfriede. Sogar die auffälligen Schüler halten sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten an die Spielregeln.
Weiter geht es mit dem Erstellen einer persönlichen Budgetliste. Schnell kommen die Schüler zu dem Ergebnis, dass sie sich längst nicht alle ihre Wünsche vom monatlichen Taschengeld leisten können. Bleibt die Frage, wo man sparen kann. "Musik und Filme lade ich mir runter, das ist billiger." "Ich verkaufe gebrauchte Spiele wieder bei Ebay."
Und muss es bei den Schuhen immer Adidas sein? "Oder würdet ihr auch Aldidas kaufen, wenn die Qualität die gleiche ist?" Karantonas hat zwar die Lacher auf seiner Seite, aber beim Thema "Marken" bleiben die Schüler standfest. "Die Klamotten müssen ja auch ‚in' sein", gibt Lars zu bedenken. Da kann "Aldidas" eben nicht mithalten.
Am Ende der Unterrichtsstunde haben die Jugendlichen diskutiert, wie sie ihr monatliches Budget kontrollieren, auf was sie verzichten, wie sie sparen können. Karantonas ist realistisch, was das Langzeitgedächtnis der Schüler angeht: "In ein paar Wochen haben sie die meisten Fakten wieder vergessen. Aber das eine oder andere wird sicherlich hängen bleiben und bei Bedarf wissen sie, wo sie nachschlagen können." Das Ziel, für ein Thema zu sensibilisieren, wäre damit erreicht.
Erfahren statt durchgestylt
Und auch der Filialleiter lernt mit jeder Unterrichtsstunde etwas Neues dazu. "Wenn jetzt junge Kunden zu mir an den Schalter kommen, verstehe ich die sehr viel besser. Zu meiner Zeit zum Beispiel hatte jeder einen Ausbildungsplatz sicher. Heute haben die Jugendlichen ganz andere Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen als wir damals."
In andere Berufe hineinzuschnuppern - das hat der gelernte Industriekaufmann und studierte Betriebswirt schon immer gerne getan. In seinem heutigen Beruf profitiert er davon. So kann er Kunden, die nach einer langen Nachtschicht übermüdet und unkonzentriert an seinen Schalter kommen, sehr viel besser verstehen, weil er während des Studiums selbst im Schichtdienst am Flughafen Kisten gepackt hat. "So eine Erweiterung des Horizonts kann ich jedem nur empfehlen", meint er.
Möglichst breit gefächerte Erfahrungen als Karrierefaktor? Passt das in eine Zeit, in der von raschem Studienabschluss, straffer Karriereplanung, Zielstrebigkeit und frühem Berufseintritt die Rede ist? Wo jeder Bewerber versucht, Lücken oder Umwege im Lebenslauf zu vertuschen? "Ich finde das sehr schade", meint Karantonas. "Wir bekommen oft nur noch perfekt durchgestylte Bewerbungen, von der keine besonders auffällt. Wenn Sie dagegen einen Banker haben, der zum Beispiel mal als Radiomoderator gearbeitet hat, ist das doch sehr interessant!"
Von Welt zu Welt
Die Schokobons sind alle verteilt, die Pausenglocke schellt, die Schüler verabschieden sich höflich, die Klasse wird ruhig und leer. "Ich muss sagen: Respekt vor dem Lehrerberuf", betont Karantonas beim Verlassen der Schule. "Ich möchte wirklich nicht mit Herrn Lehmann tauschen." Trotzdem, die Schüler werden ihm fehlen. "Ich würde schon gerne mitkriegen, wie sie sich weiterentwickeln. Schließlich sind sie mir trotz der Kürze der Zeit sehr ans Herz gewachsen."
Nachdenklich öffnet er die Autotür, blickt noch einmal auf den Schulkomplex zurück und fährt los - in eine andere Welt. In einer guten Stunde hat er in Köln-Ehrenfeld einen wichtigen Kundentermin.