23. Oktober 2001
Vom Kohlenpott zum Biotech-Start-upvon Gesa Fuchs |
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In seinem Geburtsort Bergkamen stieg er hinab in die Grube und genoss es, das erste Mal auf eigenen Füßen zu stehen. „Nach einiger Zeit fehlte mir allerdings die geistige Betätigung und ich begann mit dem, was ich machen wollte, seitdem ich 15 war: ich studierte Biologie“, meint er heute im Rückblick.
So begann der Mann aus dem „Pott“ 1989 sein Studium in Münster. In erster Linie ging es dem damals 25-Jährigen um eine fundierte Ausbildung: „Was anschließend kommen sollte, die Tätigkeit in einem großen oder kleinen Unternehmen oder die Selbstständigkeit, das hatte für mich noch keine große Bedeutung.“
Die Promotion muss warten
Fünf Jahre später schrieb Gerhard Lewandovski seine Diplomarbeit zum Thema Histologie und Morphologie und legte damit den Grundstein für seine weitere Zukunft. Im Verlauf der darauf folgenden Promotion entwickelte der Wissenschaftler eine Technik, die es ermöglicht, Enzyme im Schnitt zu quantifizieren.
Diese Technik ließ er sich patentieren und baute sie zu seiner Unternehmensidee aus. Seitdem muss die Promotion warten: „Ich habe einfach keine Zeit dafür, aber irgendwann will ich sie doch beenden“, so der Jungunternehmer, der 1999 das Biotech-Start-up HistoServe Histologische Dienstleistungen GmbH gründete.
Zwei Jahre später beschäftigt Gerhard Lewandovski sieben Mitarbeiter: einen Laborleiter, eine für das Qualitätsmanagement zuständige Angestellte, eine Technische Assistentin und eine Teilzeitbürokraft sowie drei Praktikanten. Bis auf zwei der Praktikanten handelt es sich bei allen um Studenten oder Hochschulabsolventen. Das Durchschnittsalter ist 35 Jahre.
Anfang kommenden Jahres sollen weitere Fachkräfte eingestellt werden: „Vor allem suche ich Mitarbeiter, die die Arbeit im Labor erledigen. Selbst komme ich leider nicht mehr dazu“, berichtet der Firmengründer.
Seine Mitarbeiter müssen an erster Stelle Teamfähigkeit mitbringen: „Sie sollten miteinander arbeiten, Kritik einstecken und Diskussionen führen können. Außerdem sollten sie gute Führungseigenschaften mitbringen und in der Lage sein, Mitarbeiter zu motivieren und zu begeistern.“
Diese sozialen Kompetenzen stehen für den Biologen an erster Stelle, noch vor fachlicher Qualifikation und Lernfähigkeit. „Wir sind ein kleines Team. Wenn bei uns einer quer schießt, dann kann mich das mein Unternehmen kosten“, gibt der Existenzgründer zu bedenken.
Unterschiede zu den „Großen“
Auch bei den wesentlichen Unterschieden, die ein Start-up im Gegensatz zu einem Pharmakonzern Berufseinsteigern bieten kann, fällt Gerhard Lewandovski an erster Stelle die Teamarbeit ein: „Natürlich ist diese auch in einem großen Unternehmen sehr wichtig, doch aufgrund der deutlicheren Hierarchien ist es dort wesentlich schwieriger, in einem großen Team zu arbeiten“.
Außerdem sieht er in den Aufstiegsmöglichkeiten bei einem wachsenden Start-up eine große Chance für Berufseinsteiger. Doch der 37-Jährige kennt auch das Risiko: „Einerseits kommt der mit nach oben, der heute mit dabei ist, auf der anderen Seite besteht aber auch das Risiko, mit unterzugehen.“ Jedem seiner neuen Mitarbeiter legt er daher ans Herz, sich den Einstieg bei ihm gut zu überlegen.
Denn wer in einem Start-up-Unternehmen startet, muss in puncto Sicherheit gewisse Abstriche machen. Etwa fünf bis sechs von zehn neu gegründeten Firmen werden nach Aussage von Gerhard Lewandovski in den ersten fünf Jahren aufgekauft oder liquidiert, zwei bis drei nach fünf Jahren. Das muss allerdings nicht immer den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten, erklärt der Münsteraner: „Viele Firmen werden ja auch übernommen, was für die Mitarbeiter nicht schlecht sein muss. Und letztlich sind mittelständische Unternehmen und Konzerne vor Stellenabbau und Insolvenz auch nicht gewappnet.“
Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist nach seiner Ansicht die Bereitschaft zu flexiblen Arbeitszeiten und Überstunden, die in einem kleinen Unternehmen von den Mitarbeitern stärker gefordert wird.
Auch bei den sozialen Leistungen können die Start-ups es nicht mit den „Großen“ aufnehmen. „Doch wir gehen auch mal zusammen ein Eis essen oder treffen uns zum Grillen“, so der Firmengründer und bemerkt lachend noch einen weiteren Vorteil: „Wir sind innovationsfreudig. Wenn jemand beispielsweise auf den ersten Blick eine verrückte Idee hat, dann hören wir uns die an und denken darüber nach – und gehen durchaus mal das Risiko ein, den Vorschlag auszuprobieren.“
Bei allen Vor- und Nachteilen sind nach Meinung des Existenzgründers die Chancen, in einem Start-up einen Job zu bekommen, größer als bei einem Konzern. Seine Erfahrungen schöpft er aus der Münsteraner Biotech-Szene: „Hier gibt es zurzeit etwa zwanzig biotechnologische Start-ups oder mittelständische Unternehmen, die Mitarbeiter suchen. Und so wie die Lage momentan aussieht, wird sich die Situation noch verbessern. Darüber sollten die Berufseinsteiger mal nachdenken: Die Innovationskraft und damit auch die neuen Arbeitsplätze werden von jungen Unternehmen getragen.“
Gründerfragen
Und was sollte man mitbringen, wenn man den Einstieg in die Gründerszene als sein eigener Chef wagen will? „Mut und Geld“, meint Gerhard Lewandovski salopp. „Und man muss offen auf Leute zugehen können. Wenn man in seinem stillen Kämmerlein bleibt und dort eine ganz tolle Technik entwickelt hat, nützt einem das alles nichts, wenn man nicht auf die Leute zugehen und sie überzeugen kann.“
Doch solche Eigenschaften wachsen mit der Zeit heran. „Sicher ist man am Anfang häufig regelrecht blauäugig. Andere, mit denen man zu tun hat, sind das jedoch nicht“, meint Lewandovski. „Diese Erfahrung ist zwar nicht schön, aber man würde sie jederzeit auch irgendwo anders machen – allerdings vielleicht nicht mit so harten Konsequenzen.“
Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen sowie Selbstsicherheit sind nach seiner Erfahrung weitere unverzichtbare Eigenschaften. Schlimm fand der Münsteraner Bemerkungen guter Freunde wie beispielsweise: „Meinst du, das klappt, das kriegst du durch?“ „Da muss man einfach auch mal sagen können: ,Ja, ich mache das, ich weiß, dass ich das hinkriege'“, meint er heute.
Sicher, auch er befand sich manches Mal in der Situation, wo er am liebsten alles hingeschmissen hätte. Doch nach seiner Erfahrung kommt immer wieder die Möglichkeit, sich selbst zu motivieren: „Wichtig ist, dass man sich ablenken kann. Mit Sport zum Beispiel oder man unternimmt was mit Freunden. Dafür sollte man sich ein Wochenende im Monat frei halten.“
Biotech am Stammtisch
Auch in der Woche kümmert sich der Jungunternehmer um Geselligkeit. Nach einem langen Arbeitstag trifft er sich regelmäßig mit Gleichgesinnten. Unter anderem im Verein der Bioanalytik Münster, der sich für die Förderung der Biotechnologie im Münsterland engagiert. Am Unternehmerstammtisch für Biotechfirmen aus dem Münsterland trinkt er sein Bierchen an jedem ersten Mittwoch im Monat. Hier tauscht man sich über Neues aus der Existenzgründerszene aus, die rund um Münster boomt.
Auch die HistoServe GmbH will „boomen“. Im Laufe der nächsten drei Jahre soll die Mitarbeiterzahl auf 18 erhöht werden. Ist es zurzeit noch möglich, Personal aus dem lokalen Markt zu rekrutieren, muss Gerhard Lewandovski voraussichtlich schon bald auch überregional nach Verstärkung suchen.
Zur Person:
Der Diplom-Biologe Gerhard Lewandovski ist Geschäftsführer der HistoServe Histologische Dienstleistungen GmbH.
Weitere Informationen:
Was ist Histologie?
Histologie ist die Lehre von der Art und Form der Gewebe (Histos, griech. „das Gewebe“). In der Histologie werden Schnitte von menschlichen, tierischen oder auch pflanzlichen Geweben hergestellt. Diese können beispielsweise eingefärbt und damit unter dem Mikroskop besser sichtbar gemacht werden. Bei der Immunhistologie beispielsweise werden im menschlichen oder tierischen Gewebe Antigene nachgewiesen, wodurch pathologische Befunde erkannt werden können.
