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Ausland

09.09.2002

Sprachreisen: Praxisbezug statt Trockenübung

von Anne Thesing
Journal

Fremdsprachen sind in der heutigen Geschäftswelt ein Muss. Und Sprachreisen sind gefragt wie nie zuvor. Denn sie bieten die Möglichkeit, Sprachen nicht nur trocken und theoretisch, sondern mit direktem Bezug zu Land und Leuten zu lernen.

Kommunikation rund um den Globus, interessante Kollegen aus aller Herren Länder, Auslandsaufenthalte inklusive: Wer möchte nicht einmal die Erfahrung machen, Teil eines weltweit agierenden Unternehmens zu sein? Von denen gibt es in Zeiten der Globalisierung immer mehr. Funktionieren kann internationale Zusammenarbeit allerdings nur unter einer Bedingung: Die Beteiligten müssen die gleiche Sprache sprechen und verstehen. Nicht nur Englischkenntnisse werden daher für das Berufsleben immer wichtiger. Auch andere Fremdsprachenkenntnisse können den Ein- und Aufstieg im Beruf fördern.

Sprache mit Kultur

Möglichkeiten, eingerostete Sprachkenntnisse aufzufrischen oder neue Sprachen zu lernen, gibt es viele: vom Anfängerkurs an der heimischen Volkshochschule bis zum Intensivkurs an einer Sprachschule im Ausland. Für welche Kursform man sich entscheidet, ist nicht nur eine Kostenfrage, sondern auch eine Frage der Motivation. Will ich meine Grundkenntnisse auffrischen, um im nächsten Spanienurlaub problemlos eine Paella bestellen zu können? Oder will ich die nächsten Geschäftsverhandlungen in fließendem Spanisch führen?
„Immer wenn neben der Sprache auch kulturelle Aspekte eine Rolle spielen, sollte man die Sprache in einem Kurs vor Ort lernen“, empfiehlt Konrad Schröder, Professor am Augsburger Lehrstuhl für die Didaktik des Englischen. „Besonders in der Wirtschaft ist immer mehr kulturelle Handlungsfähigkeit gefragt. Auf Meetings mit ausländischen Partnern sollte man gängige Verhandlungsstrategien und unangenehme Fettnäpfchen kennen. Die kulturellen Besonderheiten eines Landes lernt man vor Ort sehr viel besser als in einem Trockenschwimmkurs in Deutschland.“ Ähnliche Tipps gibt auch Elke Platz-Waury, Professorin für Angewandte Sprachwissenschaften und Zeitgeschichte an der FH Heilbronn. „Jede Sprache bleibt ohne ihren kulturellen Hintergrund ein Torso“, betont sie. „Und gerade in der internationalen Zusammenarbeit wiegen Kulturfehler schwerer als Sprachfehler.“

Qualitätsgarantie

Elke Platz-Waury und Konrad Schröder sprechen aus ihrer Erfahrung als Beiratsmitglieder im Fachverband Deutscher Sprachreise-Veranstalter (FDSV), dessen Mitglieder sich strengen Qualitätskriterien unterziehen.
„Unsere Beiratsaufgabe besteht darin, die Sprachreisen-Kataloge zu kontrollieren und die Sprachschulen vor Ort zu inspizieren“, erklärt Elke Platz-Waury. Die Beurteilung der Schulen, die sich aus eigenen Beobachtungen, Aussagen der Schulleitung und Kommentaren der Sprachschüler zusammensetzt, wird mit den Katalogbeschreibungen und Richtlinien des Verbandes verglichen. Fällt das Ergebnis negativ aus, droht im Extremfall der Ausschluss aus dem Verband.
Insgesamt, so sind sich die beiden einig, gab es in den letzten Jahren kaum etwas zu bemängeln. Was allerdings weniger für die Qualität der Sprachschulen allgemein, als vielmehr für die Qualitätsgarantie des Verbandes spricht. Denn immerhin sind 60 bis 70 Prozent der deutschen Reiseveranstalter nicht Mitglied des Verbandes – und unterwerfen sich dementsprechend auch nicht der Qualitätskontrolle.

Was will ich eigentlich?

Von ihren zahlreichen Inspektionsreisen wissen die beiden Beiratsmitglieder, worauf es bei der Suche nach der geeigneten Sprachreise ankommt. Konrad Schröder empfiehlt, zunächst die eigenen Ziele und Motivationen zu definieren: Soll die Erholung oder das Sprachtraining im Vordergrund stehen? Wie viele Stunden pro Woche möchte man für den Sprachunterricht investieren, und wie viele Wochen können insgesamt eingeplant werden? Welche Länder kommen für die Sprache in Frage? Soll die Reise in eine Großstadt oder in eine ländliche Region gehen?

Auswahlverfahren

Mit diesem Fragenrepertoire im Hinterkopf fällt das Durchstöbern der Kataloge und die grobe Auswahl geeigneter Veranstalter wesentlich leichter. Bei der konkreten Entscheidung muss dann noch einiges mehr beachtet werden.
So sollte man sichergehen, dass der Veranstalter seinen Kunden rechtzeitig vor der Abreise Informationen, Anmeldebestätigung und Reiseunterlagen zuschickt. Auch die Art der Unterbringung muss vor Reiseantritt geklärt sein. Sofern man sich für eine Gastfamilie entscheidet, sollte diese nicht mehr als zwei Teilnehmer zugleich aufnehmen. Nur unter diesen Bedingungen ist es möglich, das familiäre Alltagsleben kennen zu lernen – und genau das ist ja der Sinn eines Familienaufenthaltes.
Essenziell ist natürlich der Sprachunterricht selbst. „Hier kommt es in erster Linie auf eine angemessene Gruppengröße an“, betont Elke Platz-Waury. Als absolutes Maximum nennt sie 14 bis 15 Teilnehmer pro Gruppe. Auch die Qualifikation der Lehrkräfte spielt für die Qualität des Sprachkurses eine entscheidende Rolle. „Früher kam es gelegentlich vor, dass die Schulen Studenten als Lehrkräfte einstellten“, erinnert sich die Professorin an ihre ersten Inspektionsreisen. „Heute ist es Standard, dass die Lehrkräfte für das Unterrichten ihrer Muttersprache als Fremdsprache ausgebildet sind.“ Weitere Aspekte, die berücksichtigt werden sollten, sind der Einstufungstest, die Anzahl der Unterrichtsstunden, Lernziele und Unterrichtsinhalte, das Freizeitangebot sowie die Ausstellung eines Zeugnisses oder Teilnahmezertifikats am Ende des Kurses.

Mängel beheben

Und wenn trotz aller Vorbereitungen und Erkundungen doch einiges nicht so läuft, wie man es erwartet hat? In diesem Fall muss das Beschwerdemanagement an der Schule funktionieren. „Stellt beispielsweise ein Schüler fest, dass er sich trotz Einstufungstest in einem Kurs unter- oder überfordert fühlt, muss sofort Abhilfe geschaffen werden“, betont die Beirätin. Ähnliches gilt für die Unterbringung und Reiseorganisation. Welche Mängel auch immer auftreten: Beschwerden müssen vor Ort vorgetragen werden. Denn nur dann kann direkte Abhilfe geleistet und die Sprachreise doch noch zum Erfolg werden.

Mehr als nur eine Sprachreise

Damit eine Sprachreise keine Eintagsfliege bleibt, ist Eigeninitiative auch über den mehrwöchigen Kurs hinaus gefragt. Sprachkenntnisse frieren ein, wenn sie nicht weiter praktiziert werden. Konrad Schröder und Elke Platz-Waury wissen das aus eigener Erfahrung. Ihre Vielsprachigkeit – von Englisch, Französisch und Italienisch über Spanisch und Schwedisch bis hin zu Russisch – haben sie nicht nur in einem isolierten Sprachkurs, sondern durch mehrere Auslandsaufenthalte aufrecht erhalten. „Einen nicht geringen Teil meiner Französischkenntnisse habe ich nicht an der Schule gelernt, sondern in zwei mehrwöchigen Aufenthalten bei einem französischen Lehrerehepaar“, erinnert sich Konrad Schröder. „Von diesen Auslandsaufenthalten habe ich die ganze Schulzeit hindurch profitiert“. Ähnlich ging es auch Elke Platz-Waury. „Nach dem Abitur schenkten mir meine Eltern einen Sprachkurs in London. Als ich dort ankam, besaß ich zwar solide Schulkenntnisse, war aber überhaupt nicht an die Aussprache der Engländer gewöhnt. Dank dieses Sprachkurses ging es mit meinen Kenntnissen steil bergauf.“
Natürlich kann es sich kaum jemand leisten, Jahr für Jahr sein Wissen auf einer komfortablen Sprachreise aufzufrischen. Um dennoch auf dem Laufenden zu bleiben, empfiehlt der Didaktiker Konrad Schröder fremdsprachliches Lesefutter, Volkshochschul- oder Onlinekurse.
Doch die beste Möglichkeit bleibt nach wie vor das Gespräch mit Muttersprachlern. Sei es in international gemischten Konversationszirkeln oder im nächsten Urlaub – Gelegenheiten gibt es sicherlich genug.
ZUR PERSON:

Prof. Dr. Elke Platz-Waury ist Professorin für Angewandte Sprachwissenschaften und Zeitgeschichte an der FH Heilbronn. Seit 1986 ist sie Beiratsmitglied im Fachverband deutscher Sprachreise-Veranstalter e.V.

Prof. Dr. Konrad Schröder ist Professor am Augsburger Lehrstuhl für Didaktik des Englischen. Seit 1981 ist er Beiratsmitglied im Fachverband deutscher Sprachreise-Veranstalter e.V.

Weitere Informationen:


Buchtipp:

Sprachkurse an Hochschulen in Europa 2002
Hg. vom Deutschen Akademischen
Austauschdienst (DAAD)
W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2002
ISBN: 3-7639-0423-9
14,90 Euro


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