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Ausland

28.01.2004

Auszeit in Afrika

von Silke Hollander
Journal

Den sicheren, gut dotierten Job kündigen, um als Freiwillige mit Straßenkindern in Südafrika zu arbeiten? Silke Hollander hat es getan. Dem karriereführer erzählt die Wirtschaftswissenschaftlerin von Erfahrungen und Eindrücken, die sie wohl nie vergessen wird.

Hätte mir jemand zu Beginn meiner Karriere prophezeit,  Silke Hollanderdass ich mal meinen gut bezahlten und abwechslungsreichen Job bei einer internationalen Unternehmensberatung aufgeben würde, um nach Afrika zu gehen, hätte ich wahrscheinlich gelacht und gesagt: "Du spinnst". Nun bin ich schon seit einem Jahr wieder in Pietermaritzburg (Südafrika) und habe die Entscheidung noch an keinem Tag bereut.

Unterstützung vom Chef

Der Gedanke mich sozial zu engagieren kam nicht über Nacht. Eigentlich hatte ich vor, neben meinem Job eine karitative Tätigkeit zu finden. Aber da ich als Beraterin immer unterwegs war, ergab sich keine Gelegenheit. Durch Gespräche mit einem Freund fasste ich schließlich den Entschluss, eine Auszeit von meinem Job zu nehmen, um mich einer freiwilligen Arbeit zu widmen. Etwas mulmig war mir schon zumute, als ich mit dieser Vorstellung zu meinem Chef ging. Doch ich wurde positiv überrascht. Er war absolut begeistert von der Idee und unterstützte mich auch finanziell. Sechs Monate unbezahlter Urlaub wurden mir genehmigt. Das war 2001.

Die Organisation, für die ich mich entschieden hatte, war "Youth for Christ" in Südafrika. Von ihren zahlreichen Programmen interessierte mich besonders das Khayalethu Programm für "children and youth at risk". "Warum kommst du für diese Aufgabe nach Südafrika? Habt ihr keine Probleme in Deutschland?" Fragen wie diese wurden mir, verständlicherweise, sehr oft gestellt. Für mich war aber immer klar, dass ich ins Ausland wollte. Erstens wollte ich diese Aufgabe nicht als einen normalen Job ansehen von dem ich nach getaner Arbeit in mein gewohntes, bequemes Umfeld zurückkehre. Und zweitens lerne ich gerne neue Länder und Menschen kennen. Die Arbeit in Südafrika war also eine ideale Kombination.

Die innere Unruhe

Im Juli 2001 kam ich in Südafrika an und arbeitete dort bis Dezember 2001 als Freiwillige. Vor meiner Abreise bat mich mein Supervisor, doch über eine Rückkehr für längere Zeit nachzudenken. Versprechen wollte ich nichts und so kehrte ich erst einmal wieder nach Deutschland, in meinen Job als Beraterin zurück.

Doch irgendetwas hatte mich gepackt. Meine Arbeit machte zwar Spaß, gab mir aber nicht die Befriedigung die ich mir wünschte. Nach einigen schlaflosen Nächten war die Entscheidung für Afrika gefallen. Dieses Mal war mein Chef leider nicht mehr so verständnisvoll, aber damit hatte ich auch nicht gerechnet. Als Konsequenz kündigte ich meinen sicheren Job, um für weitere 16 Monate bei Khayalethu in Südafrika als Freiwillige zu arbeiten.

Das Programm

Khayalethu (Zulu: unser Zuhause) gliedert sich in vier Programme:
"Early Intervention and Prevention Work in at risk communities": In vier "benachteiligten" Communities arbeiten Sozialarbeiter und Community Worker direkt mit Familien und Kindern. So sollen die Ursachen für Probleme und nicht die Symptome behoben werden.

"Street Work": Hier arbeiten die Kollegen direkt mit den Kindern auf der Strasse. Das heißt: life skills, Sport, Lesen und Rechnen oder einfach spielen und unterhalten.

"Residential Care": Bis zu 30 Jungen und Mädchen können für bis zu einem Jahr in den zwei shelter untergebracht werden. Dort wird dann mit ihnen und ihren Familien an einer Zusammenführung gearbeitet.

"After Care": Dieser Teil unterstützt die Familien und Kinder, die wieder zusammengeführt wurden.

Vormittags: Verwaltung

Vormittags bin ich im Büro des Programmkoordinators und arbeite als seine Assistentin. Das beinhaltet alle administrativen Aufgaben die täglich anfallen. Da ich ein sehr organisierter und strukturierter Mensch bin, habe ich zu Beginn erst einmal alle Unterlagen ausgemistet, sortiert und in einem sinnvollen System abgelegt. Aufgrund meiner "Beratervergangenheit" bin ich immer auf der Suche nach Verbesserungen, und so habe ich im Laufe der Zeit Organisationsabläufe optimiert, neue Formate entwickelt und Planungsinstrumente eingeführt - zum Beispiel Kalender zur Buchung von Fahrzeugen. Die Arbeit macht mir Spaß und ich sehe, dass durch meine Veränderungen das Programm besser organisiert wird.

Nachmittags: Spielen und Lernen

Doch das ist nur ein Teil meiner Aufgabe. Nachmittags bin ich im shelter der Jungen und beschäftige mich mit ihnen. Sie haben ein gut gefülltes Wochenprogramm. In ihrer Freizeit spiele ich mit ihnen Fußball, Brettspiele, Kartenspiele, wir malen, basteln oder spaßen einfach nur so rum. Die Muttersprache der Kinder ist Zulu, aber alle sprechen mehr oder weniger gut Englisch. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist es jedoch, in Zulu auf mich einzureden. Wenn ich nur noch dämlich dreinschaue, versuchen sie, mir neue Wörter beizubringen. Ich habe einen Sprachkurs belegt, aber Zulu ist nicht gerade die einfachste Sprache. Besonders die Klicklaute gehen mir nicht leicht über die Lippen. Naja Hauptsache die Kinder haben ihren Spaß. Besonders gefragt bin ich dann wieder während der Hausaufgabenbetreuung. Leider ist in diesem Jahr die Hälfte der Kinder nicht in der Lage, richtig zu lesen oder zu schreiben. Da müssen dann die native speaker ran. Ich bin verantwortlich für die Betreuung der älteren Kinder, besonders für Mathe. Meine Geduld wird so manchen Tag auf eine harte Probe gestellt. Ich weiß schon warum ich nie Lehrer werden wollte!

Unglaubliche Erfahrungen

Besondere Momente sind es für mich, wenn Kinder zeigen, dass sie Vertrauen zu mir gefasst haben. Sie erzählen dann viel über ihre Familien, warum sie auf der Straße gelebt haben, wie das Leben auf der Straße so ist und welche Ängste und Träume sie haben. Die Erfahrungen, die diese Kinder schon in ihrem Leben gemacht haben sind unglaublich und gehen in den meisten Fällen über mein Vorstellungsvermögen hinaus. Wenn ich dann auch noch sehe, wie sie zuhause wohnen, wird mir immer wieder klar, wieviel Glück ich in meinem Leben bisher hatte und wie dankbar ich dafür sein kann.

After Care

Da ich jetzt schon drei "Generationen" von Kindern während ihrer Zeit im shelter begleitet habe, ist eine meiner Interessen die After Care Arbeit. Zusammen mit dem Kollegen machen wir Familien- und Schulbesuche, um sicherzustellen, dass das Zusammenleben positiv verläuft und um gegebenenfalls Unterstützung anzubieten. Dies ist besonders wichtig, damit die Kinder und Familien sich nicht alleine gelassen fühlen, wenn sie einmal den shelter verlassen haben. Mir gibt es die Gelegenheit, meine kleinen Freunde wiederzusehen und mich zu vergewissern, dass es ihnen gut geht.

Wie finanziere ich mich?

Glücklicherweise sind die Lebenshaltungskosten hier nicht so hoch, wenngleich der Euro in den letzten Monaten doch an Wert verloren hat. Ich wohne in einem Gemeinschaftshaus zusammen mit anderen internationalen Freiwilligen. Fortlaufende Kosten in Deutschland sind Krankenversicherung, Rentenversicherung und private Altersvorsorge. Leider erhalte ich keinerlei Unterstützung von deutschen Organisationen oder Ministerien, sodass ich all diese Kosten mit meinen Ersparnissen bestreite. Ich kann nur jedem, der sich auf solch eine Aufgabe einlassen möchte, empfehlen, frühzeitig nach Sponsoren zu suchen.

Wer den Schritt ins Ausland wagen möchte, sollte sich über seine Motivation und Erwartungen im Klaren sein. Ich sammle hier wertvolle Erfahrungen und lerne viel über mich selber und über das Leben in einem ganz anderen Kulturkreis. Auslandsabenteuer setzen die Bereitschaft voraus, sich auf neue Menschen, Kulturen und Lebensbedingugen einzulassen. Wer dazu bereit ist, dem kann ich eine Auszeit im Ausland sehr empfehlen. Ich habe es nicht einen Tag bereut.

In einer Ihrer Rundmails an Freunde schreibt Silke:

Hallo!

Wie ich höre schwitzt ihr momentan ganz gut. Hier ist eigentlich Winter, aber der ist bisher ungewöhnlich warm (25-30 Grad), sodass meine Winterhose und der Rolli noch nicht wirklich zum Einsatz gekommen sind. Nur abends ist es im Haus manchmal empfindlich kalt. Doch dafür haben wir ja einen kleinen Heizofen.
...
Die Zeitungen hier sind täglich voll von Gewaltberichten. Kein Tag vergeht, an dem nicht neue Meldungen über Vergewaltigungen zu lesen sind. Die Opfer und die Täter werden immer jünger. Zufolge einer Statistik der SAPS (South African Police Service) wurden in 2002 58.000 Vergewaltigungen (21.000 Kinder) angezeigt. Die Polizei schätzt jedoch, dass es nur in einem von 35 Fällen tatsächlich zur Anzeige kommt. Nur in 10 Prozent der Fälle kommt es zur Verurteilung. In meinem Umgang mit den Kindern versuche ich im Hinterkopf zu behalten, dass sie Erfahrungen dieser Art gemacht haben, aber ehrlich gesagt möchte ich gar nicht weiter darüber nachdenken, denn dann wird mir schlecht. Es geht einfach über meinen Vorstellungshorizont hinaus, zu was Menschen in der Lage sind. Und dann sieht man die Kinder, und sie sind nach außen hin stark. Es dauert lange, bis sie mit ihrem Schmerz und ihrer Angst herausrücken, und erst dann können wir wirklich etwas tun. Und dann darf man selber ja nicht zu geschockt oder betroffen reagieren, denn das verstört sie wiederum. Es gibt Abende an denen ich einfach nur heulen möchte und froh wäre, wenn ich nicht diese Informationen hätte und die Kinder einfach nur als fröhliche Kinder sehen könnte. Ich wünschte, ich würde abends, wenn ich im Bett liege, nicht daran denken, dass zum gleichen Zeitpunkt Siyabonga unter einem Stück Plastik auf dem Bürgersteig liegt (wenn er sich nicht gerade Männern als Sexpartner anbietet), Nkanyiso sich mit zehn anderen das 'Schlafzimmer' teilt und nur eine dünne Decke hat und die meisten Kinder am nächsten Morgen hungrig zur Schule gehen (wenn sie denn gehen). Niemals könnte ich als Sozialarbeiterin tätig werden oder auch nur diese Aufgabe über einen längeren Zeitpunkt hin ausüben. Mir fehlt die professionelle Distanz, und ich kann die Einzelschicksale nicht abends einfach ausblenden. Doch ich habe mich zumindest schon in einem Hinblick sehr gebessert. Ich bin inzwischen sehr wohl in der Lage, mir Zeit für mich persönlich zu nehmen. Das schlechte Gewissen an den Wochenenden, wenn ich mal irgendwo sitze und lese oder einfach nur faulenze, ist verschwunden.

Zur Person:
Silke Hollander studierte Wirtschaftswissenschaften an der Uni Paderborn und arbeitete knapp vier Jahre als Unternehmensberaterin im Bereich Human Capital Solutions. Seit 18 Monaten leistet sie Freiwilligenarbeit in Südafrika.


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