23. November 2000
Stadtgeschichte für Bauingenieurevon Stefan Trees |
|
Ein Auslandsaufenthalt im Lebenslauf zählt heute beinahe zu den Mindestanforderungen, die Unternehmen an ihren Nachwuchs stellen. Denn wer einmal in einem fremden Land gelebt hat, kann sich viel leichter auf neue Situationen und Anforderungen einstellen. Wer im Rahmen seines Studiums ins Ausland geht, erlernt nicht nur eine andere Sprache und erweitert sein Fachwissen, sondern erfährt auch neue Denkweisen und Lösungsansätze.
Durch persönliche Kontakte und neue Freundschaften erfährt man die Globalisierung sozusagen ganz privat. Die Unternehmen wissen: wer auf diese Weise seinen Horizont erweitert hat, wird auch mit den sich ständig ändernden Bedingungen und Anforderungen in der Baubranche fertig.
Dass ich mein Hauptpraktikum im Ausland absolvieren wollte, war mir schon sehr lange klar, vielleicht sogar schon vor Studienbeginn. Für mein Vorpraktikum hatte ich in Tansania beim Bau eines Kindergartens mitgearbeitet. Auch für das Hauptpraktikum wollte ich im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit tätig werden.
Meine Erfahrungen aus dem Dorf auf Sansibar hatten mir gezeigt, dass dieser Bereich die meisten Herausforderungen und spannendsten Überraschungen bietet. Doch dieses Mal ging es mir auch darum, mein studienbezogenes Fachwissen sinnvoll einzubringen.
Wunschziel Südamerika
Mein Wunschziel stand seit einer Reise durch Brasilien und Venezuela fest: Südamerika. Ich hielt also die Augen offen und informierte mich beim Auslandsamt der Hochschule und im Internet. Nach längerer Suche und vielen Telefongesprächen erfuhr ich vom Centro Estudios Ciudadanos, dem Zentrum städtischer Studien in Santiago de Chile.
Dann ging alles sehr schnell: Bereits einen Tag nach meiner Bewerbung erhielt ich per Fax die Zusage. Von da an hatte ich noch vier Monate Zeit mich vorzubereiten. Klar, dass ich mit dieser Motivation meinen Spanischkurs an der Uni fortsetzte.
Doch auch der beste Unterricht kann einen nicht auf die Praxis vorbereiten: Als ich voller Erwartungen in Santiago de Chile eintraf, verstand ich zunächst kein Wort. In Chile spricht man ein sehr schnelles Spanisch, bei dem das „s“ und die Endungen zumeist vernachlässigt werden. Dazu gibt es viele Modi, die nur im chilenischen Spanisch existieren und meine Verwirrung noch vergrößerten.
Zu meinem Glück hatte mir die Organisation ein Zimmer in einem Studentenwohnheim reserviert. Dort fand ich schnell Freunde, und mein Sprachvermögen verbesserte sich sozusagen stündlich.
Regelmäßiger Infarkt
Gleich am Tag meiner Ankunft hatte ich einen Termin mit meiner neuen Chefin, die mir meine Aufgabe vorstellte. Die Ergebnisse einer Tagung zum Thema Stadterneuerung und Stadterhaltung in Santiago sollten für eine Publikation zusammengestellt werden. Dazu musste ich die Stadt, um deren Erhalt oder Erneuerung es gehen sollte, erst einmal kennen lernen.
Santiago ist eine typische Kolonialstadt mit einem strikten Schachbrettgrundriss im Innenstadtbereich. Dieser beruht auf der Order des spanischen Königs und ist Idealstadt-Überlegungen Vitruvs entlehnt. Die Fragestellung nach der Stadtentwicklung ist erst sehr spät in das Bewusstsein südamerikanischer Architekten gerückt.
Wenn man weiß, dass das Drucken von Büchern und die Schriften von Kepler bis zur Unabhängigkeit Chiles im Jahr 1818 verboten waren, ist zu verstehen, dass hier eine Menge Nachholbedarf bestand. Für Santiago bedeutet dies, dass Stadtteile selten strategisch sinnvoll geplant wurden. So verläuft die Verkehrsführung entsprechend chaotisch.
Außerdem sind nur wenige größere Parks in der Stadt zu finden. Wie für südamerikanische Städte typisch, hat auch Santiago eine fast ausschließlich von Büros geprägte Innenstadt. 1,5 Millionen Menschen – bei 4,5 Millionen Einwohnern – fahren täglich hierher zur Arbeit. Man kann sich leicht vorstellen, dass es regelmäßig zum Verkehrsinfarkt kommt.
Die geringe Siedlungsdichte Santiagos ist dagegen ein Phänomen: Die Landflucht sorgte seit Beginn des 19. Jahrhunderts für ein enormes Breitenwachstum. Außerdem wurde die Stadt wiederholt von Erdbeben heimgesucht, daher hat man bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nur zweistöckig gebaut. Erst mit der Einführung des Stahlbetonbaus und verbesserter Gründungen konnten Hochhäuser entstehen. Denen mussten jedoch oft alte Stadthäuser und Paläste weichen, häufig wurden gewachsene Stadtteile durch Neubauten „zerrissen“.
Das Bewusstsein, dass die Altbausubstanz zum Kulturgut einer Stadt gehört, entsteht erst langsam, und genau hier sollte die Publikation ansetzen. Nachdem ich die Gliederung erarbeitet hatte, begann ich mit der umfangreichen Literaturrecherche. Besonders inte-ressant waren für mich die persönlichen Interviews, die ich mit Stadthistorikern und Städteplanern der verschiedenen Universitäten führen konnte.
Alles mal ganz anders...
Am Anfang hatte ich einige Schwierigkeiten mich in die Thematik einzuarbeiten, da mir ausschließlich spanische Literatur zur Verfügung stand. Es war für mich jedoch sehr spannend den Begriff des Bauens, den ich durch das Studium eher vom Gesichtspunkt der Machbarkeit und praktischen Umsetzung her kannte, in einem historischen und vor allem kulturellen Kontext zu sehen.
Bis dahin hatte ich mich nur am Rande gefragt, was ein Gebäude oder eine Straße für eine Stadt und ihre Bewohner bedeutet. Zudem war ich bislang Teamarbeit gewöhnt, in Santiago arbeitete ich allein. Dadurch lernte ich vor allem, meine Arbeit zu organisieren und für andere leicht verständlich aufzubereiten. Jedoch fehlte mir oft ein Ansprechpartner, der mir neue Denkanstöße geben konnte, wenn ich mit meinen Überlegungen auf der Stelle trat.
Den Abschluss meiner Arbeit stellten ein Text zur Stadtentwicklung Santiagos sowie eine Bibliografie dar. Beides wird Grundlage einer Publikation sein, die im Frühjahr erscheint.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die zehn Wochen meines Praktikums viel zu schnell vergangen sind. Ich hätte gern noch mehr über Santiago herausgefunden. Besonders bedauerlich war, dass ich schlichtweg nicht genug Zeit hatte, um die laufenden Projekte im Bereich Stadtentwicklung und Denkmalschutz kennen zu lernen.
Ein allgemeines Resümee zu ziehen ist immer schwierig, wenn es um persönliche Eindrücke geht. Ich kann nur sagen, dass ich mit neuer Motivation für mein Studium zurückgekehrt bin und sehr viel über Chile und auch über mich selbst gelernt habe.
Zur Person:
Anke Kutzner, 25, studiert an der Fachhochschule Potsdam Bauingenieurwesen.