www.karrierefuehrer.de Das Jobmagazin für Hochschulabsolventen Über Uns Mediadaten Partner Presse

Ausland

16.11.2004

Russlandreise

von Maren Jonczyk
Journal

Von Frankfurt nach Nishnij Nowgorod, um mit Mann und Kindern in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten. Eine andere Kultur und neue Kollegen kennen lernen. Nach zwei Jahren zurück nach Deutschland, nicht ohne vorher dreimal um die Säulen vor dem Winterpalais in Sankt Petersburg gelaufen zu sein – „Do swidanja, denn Freunde warten auf uns!“

31. Mai 2001: Flug von Frankfurt nach Nishnij Nowgorod

Da fliege ich nun wieder in Richtung Russland - dieses Mal wird es ein Aufenthalt für lange Zeit. Die Arbeit in Deutschland habe ich nur ungern unterbrochen. Es ist interessant, die unterschiedlichsten Projekte eigenständig durchzuführen. Es gibt keine Routine. Jede Anlage ist anders. Auch der letzte Job als Auftragskoordinator für Apparate einer Wasserstoffanlage in Venezuela war gut gelaufen. Doch nun kommt eine ganz andere Tätigkeit auf mich zu. Ich habe nun die Aufgabe, im Rahmen des Skill-Programmes zur Ertüchtigung der Tochterunternehmen die Mitarbeiter der Apparate-Gruppe in allen Aufgaben zur eigenständigen Durchführung des Detail-Engineerings zu schulen. Diese Aufgabe umfasst das Erstellen von technischen Spezifikationen zur Anfrage bei Lieferanten, die Bearbeitung der Angebote bis hin zur Termin- und Fertigungsüberwachung, das Arbeiten mit den geltenden Arbeits-, Fach- und Prüfanweisungen, die im Uhde-Qualitätshandbuch verankert sind, inklusive der Beherrschung der hierzu verwendeten IS-Tools. Alle Normen und Vorschriften, die bei Uhde in Dortmund selbstverständlich sind, werde ich nun auch den russischen Kollegen näher bringen. Ganz wohl ist mir nicht. Wie reagieren meine neuen Kollegen? Wie wird meine Familie den russischen Alltag meistern? Viele Aufgaben liegen vor mir. Doch es wird schon klappen.

30. November 2001: Aufgaben und Verantwortung

Da es in Nishnij Nowgorod eine Schule mit deutschsprachigen Lehrern für meinen Sohn und einen Kindergarten für meine Tochter gibt, hatte ich mit meiner Familie Quartier in diesem Ort bezogen. Inzwischen liegt Schnee. Die Straßenverhältnisse sind sehr winterlich, aber es gibt nicht den guten Winterdienst, den wir in Deutschland gewohnt sind. Jeden Morgen holt mich der Fahrer um 6.30 Uhr ab. Eine Stunde Fahrt liegt vor uns, von Nishnij Nowgorod nach Dzerschinsk, am Wolgaufer entlang, über die Okabrücke durch die Vororte von Nishnij, vorbei am GAI-Posten (örtliche Miliz) und durch verschneite Dörfer. Dann geht es von der Moskauer Chaussee nach links in Richtung Dzerschinsk. Erst durch die Industriezone, dann zum Zentrum.

Die Stadt Dzerschinsk hat 250 000 Einwohner und wurde kurz vor dem 2. Weltkrieg erbaut. Russische Plattenbausiedlungen prägen das Stadtbild, die Chemiewerke sind bekannt, hier war und ist das Zentrum der Chemie. Wir sind angekommen. Die Dame an der Wache grüßt freundlich: "Sdrastwuitje gasposcha Maren". Ich gehe zum Büro der Apparategruppe. Dort habe ich meinen Arbeitsplatz in einem Büro mit acht russischen Kollegen.

Meine Russischkenntnisse sind inzwischen wieder sehr brauchbar. Dreimal pro Woche, ab 9.30 Uhr, beginnt der Unterricht für meine russischen Kollegen. Ich gehe konsequent nach meinem mit den Verantwortlichen abgestimmten Maßnahmenkatalog vor, erläutere unter anderem Druckbehälterspezifikationen nach den verschiedenen internationalen Standards, Maßtoleranzen und Klassifizierungsgruppen für Apparate. Da die Englischkenntnisse „meiner Schüler“ nicht gerade berauschend sind, wird der Unterricht in mehreren Etappen durchgeführt. Erste Etappe: Erarbeiten des englischen Grundvokabulars für diesen Kurs. Zweite Etappe: Vermitteln des Lehrstoffes auf Englisch, dann Wiedergabe des Stoffes durch die Mitarbeiter auf Russisch. Dritte Etappe: Erprobung des Gelernten bei praktischen Übungen. Nur so habe ich eine Gewissheit, dass der Stoff von allen verstanden wird. Erfolge stellen sich schnell ein, denn wenn Passagen fehlen oder falsch verstanden werden, greife ich ein und erläutere dieses Kapitel noch einmal auf Russisch. Wenn kein Unterricht ist, bereite ich den Lehrstoff vor, erstelle Handbücher, Folien und vervollständige meine Lehrprogramme.

Abends halten meine beiden Kinder schon hinter dem Fenster Ausschau. Der Abend gehört ihnen. Der russische Kindergarten ist nicht so ganz nach ihrem Geschmack, vor allem das Essen missfällt. Mein Mann, der für diesen Aufenthalt seine Arbeit für zwei Jahre unterbrochen hat, ist inzwischen als unser „Küchenchef“ von Gästen in Nishnij sehr geschätzt, am meisten aber von den Kindern und mir.

30. Mai 2003: Flug von Nishnij Nowgorod nach Frankfurt

Mittlerweile ist meine Arbeit hier abgeschlossen, die Zeit verging wie im Flug. Wir, meine russischen Kollegen und ich, haben auch viele russische Apparate- und Maschinenbauer besucht, die nun auch in der Lage sind, nach den Uhde-Qualitätsstandards zu fertigen und die dann auch vielleicht als Lieferanten für künftige Aufträge im osteuropäischen Raum eingesetzt werden können. Die Fertigungsüberwachung durch OAO Uhde kann nun problemlos erfolgen.

Der Abschlussbericht ist beendet, und ich fliege heute wieder nach Hause. Meine Familie ist schon in Deutschland. Mein Sohn hat die erste Klasse in der russischen Schule gut gemeistert, parallel hat er nun schon den Stoff der zweiten Klasse der deutschen Grundschule erlernt. Der Abschied von den vielen neuen Freunden fällt schwer, aber die alten Freunde und auch die Familien in Deutschland warten auf uns.

Da ich in dieser Zeit auch drei Mal um die Säulen vor dem Winterpalais in Sankt Petersburg gelaufen bin (alter russischer Brauch), werde ich bestimmt wiederkommen – do swidanja!


Die Autorin

Maren Jonczyk, geboren im Harz, ist Diplom-Ingenieurin für Maschinen- und Apparatebau der chemischen Industrie. Sie studierte an der Moskauer Hochschule für chemischen Maschinenbau. Seit 1991 ist sie bei Uhde in Dortmund als Ingenieurin im Bereich Engineering in der technischen Abwicklung von Nebenanlagen und Apparaten tätig.
Von Juni 2001 bis Mai 2003 war sie als Ausbilderin im Uhde-Tochterunternehmen OAO Uhde in Dzerschinsk (400 km östlich von Moskau). OAO Uhde plant und baut Chemieanlagen für den russischen Markt.


© 2012 Transmedia Verlag GmbH & Co. KG 
www.karrierefuehrer.de www.transmedia-verlag.de
Kontakt für Anzeigen, Banner: anzeigen@karrierefuehrer.de Mediadaten Newsletter Kontakt
Bitte beachten Sie folgende Nutzungshinweise, unsere AGB und das Impressum.