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Ausland

16.12.2004

Portugal-Impressionen

von Uwe Ullrich
Journal

"Warum gehen Sie nicht nach Portugal?", fragte der Bereichsleiter. Gesagt, getan. Es folgten zweieinhalb Jahre in Lissabon, die für mich nicht nur beruflich beeindruckend waren.

Mein Berufsleben war bis zu diesem Zeitpunkt immer schon interessant gewesen. Nicht nur die verschiedenen Ausbildungen über den "zweiten" Bildungsweg zum Dr.-Ing., sondern insbesondere die 23 Jahre bei Rohde&Schwarz in München waren abwechslungsreich und voller neuer Eindrücke. Durch Dienstreisen nach Nord- und Südamerika, in verschiedene arabische Staaten und nach Indien, aber auch durch den Besuch von Kunden in unserem Unternehmen hatte ich bereits Erfahrungen im Umgang mit Geschäftspartnern verschiedenster Nationalitäten und Kulturen sammeln können.

Chancen nutzen
Zu meinen Aufgaben als Systemingenieur, Gruppenleiter und dann Abteilungsleiter im Bereich Funkerfassung/Funkortung gehörte Systemplanung, Systementwicklung und Projektmanagement, aber auch die Unterstützung von Vertrieb und Marketing. Ich war 56, und anlässlich eines Personalgesprächs sagte ich, dass ich gerne bei Rohde&Schwarz noch etwas Neues machen würde. Daraufhin äußerte mein Bereichsleiter spontan: "Warum gehen Sie nicht nach Portugal?"
Ich hatte zwar von einer Kooperation mit einer portugiesischen Firma bei der Entwicklung eines neuen Funkgerätes gehört, war mir aber nicht bewusst, dass mein Arbeitgeber sich mittlerweile an dieser Kommunikationsfirma nahe bei Lissabon beteiligt hatte. Lissabon erschien mir und meiner Frau zunächst etwas weit, da wir unseren Freundeskreis in München weiter pflegen wollten. Doch die Firma zeigte sich großzügig: Die Wohnung in Lissabon und regelmäßige Heimflüge sollten erstattet werden. So blieb nur eines: diese Gelegenheit "beim Schopfe zu fassen".

Höflichkeit und Humor
Als erstes lernte ich im Juli 2000 einen Bereichsleiter der portugiesischen Firma und ein paar seiner Mitarbeiter in unserem Fertigungswerk Memmingen kennen und schätzen. Beim "Abendprogramm" war man gemäß portugiesischer Art sehr höflich, doch wir konnten bereits miteinander lachen, was ich nicht nur bei persönlichen Beziehungen, sondern auch bei geschäftlichen, für enorm wichtig halte. Als ich einige Wochen später einen Besuch in der portugiesischen Firma machte, bemerkte mein zukünftiger "Geschäftsführerkollege" nach einiger Zeit, mir ginge ein guter Ruf voraus, ich hätte Humor. Dies war für die portugiesischen Kollegen und Mitarbeiter eine positive Überraschung, weil sie einen verbissenen "großen Preußen" erwartet hatten.

Sprachhürden
In München gab es einen kulturellen Schulungstag und ein paar Tage Sprachschule für meine Frau und mich. Trotzdem blieb die Sprache schwierig, insbesondere die Aussprache bereitete mir auch nach zwei Jahren immer noch große Probleme. Als Ingenieur ist man typischerweise nicht unbedingt sprachbegabt, und man beschränkt sich gerne auf das international übliche Englisch. So auch in Portugal - mein Kollege sagte, ich sei der beste Englischtrainer für die zirka 170 Mitarbeiter, weil alle mit mir Englisch sprechen müssten.

Gewöhnungsbedürftiges
Die Firma lag jenseits der Brücke "25. April"; ein nicht zu alter Flachbau mit Büros meist ohne Fenster und bescheidener Einrichtung. Als einer von drei Geschäftsführern hatte ich ein Fenster zum "Rosengarten". An die freundliche Begrüßung und den morgens und nachmittags automatisch servierten guten café/bica (portugiesischer Espresso) habe ich mich schnell gewöhnt - weniger gerne an die häufig abends bis 21 Uhr ausgedehnten Geschäftsführungsgespräche. Bei mir gab es aber einen natürlichen "Break": Da der von mir gemietete Parkplatz in einer Großraum-Garage um 21 Uhr schloss, musste ich um 20.30 Uhr "heimfahren" - die Parkverhältnisse in Lissabon sind katastrophal. Es wird an jeder Ecke und auf jedem Bürgersteig geparkt, und die vielen Einbahnstraßen sind von "kurzzeitig" be- und entladenden Autos häufig blockiert.
In der Firma selbst war das Arbeitsklima sehr angenehm. Die Mitarbeiter waren so freundlich und hilfsbereit, dass es manchmal sogar gefährlich war, einen Wunsch firmenintern zu äußern: Die entsprechenden Mitarbeiter tun doch glatt, was man gesagt hat - lassen dafür aber andere wichtige Dinge liegen.

Kulinarisches
Natürlich wurden wir zu einem Fado-Abend von meinen Kollegen eingeladen - wir kamen bedingt durch die Benutzung der Straßenbahn etwas spät, was in Portugal eher üblich ist; bei abendlichen Einladungen erscheint man erst eine halbe Stunde später als eingeladen beim Gastgeber. Der Fado und auch das Essen waren für uns gewöhnungsbedürftig. Später haben wir gelernt, wo es den berühmten frischen, gegrillten oder auch in einer Salzkruste "gebackenen" guten Fisch gibt, zu welchem der weiße aber auch der rote portugiesische Wein sehr gut mundet.

Landes-Erkundungen
In Portugal lebt man in und mit der Familie, so auch meine Kollegen. So trafen wir uns vielleicht zweimal im Jahr zum gemeinsamen Essen. Wenn man nicht in einen deutschen Klub geht, hat man üblicherweise nur zur deutschen Botschaft Kontakt: Am Tag der deutschen Einheit wird man eingeladen und kann andere Vertreter der deutschen Industrie kennen lernen. Insgesamt waren wir also relativ alleine und hatten dadurch am Wochenende Zeit, das sehr schöne und grüne Land zu bereisen. Es gibt nicht nur die touristische Algarve oder das romantische Städtchen Obidos, mit wunderbarer Aussicht von der Stadtmauer auf das Land der Windmühlen. Auch sehenswert sind zum Beispiel die Serra da Estrela, wo wir meterhohen Schnee in 1600 Metern Höhe gefunden haben, und viele idyllische Bergdörfer, wie zum Beispiel Monsanto. Wir hatten großes Glück, eine kleine, frisch umgebaute und voll möblierte Eigentumswohnung mieten zu können. Sie lag zentral aber doch ruhig. Nach zweieinhalb Jahren Portugal fiel uns der Abschied schwer, nicht nur mir von den guten Kollegen in der Firma, sondern auch uns beiden von dem schönen Land mit seinen liebenswerten Menschen.

Streiten und Lachen
Durch die Arbeit in Portugal habe ich persönlich noch mehr Verständnis für andere Menschen bekommen, als ich es bereits durch die vielen Kontakte zu fremdländischen Kunden und Partnern hatte. Das längerfristige Tagesgeschäft in Portugal hat mir gezeigt, dass man mit Kollegen, Mitarbeitern und auch Kunden nicht nur lachen, sondern auch streiten kann und muss, wenn man die Partner in ihrer Art eben nur als anders und nicht als fremdartig respektiert. Das Resümee nach solch einer Arbeit in einem anderen europäischen Land kann eigentlich nur lauten: "Ich bedauere nichts - ich würde es wieder machen!"

Steckbrief "Portugal"

Was kostet…:

…ein Kaffee: 0.5 bis 1 €

…ein Snack: 2 bis 3 €

…ein Abendessen für 2 Personen mit 1 Flasche Wein: 30 bis 50 €

…ein Abend mit Freunden (4 Personen Essen mit ausreichend Bier und Wein): 100 €

Was ist…

…besonders günstig?
Einkaufen: Brot, Obst, Gemüse aus P; Schuhe, Handschuhe
Restaurant/Cafe/"Bar": Café, Brandy, Wein (aus Portugal)

…besonders teuer?
Wohnung wie in Deutschland, Parkgarage
Gutes Fleisch, Importierte Waren - auch Obst, Käse (besonders von der Kuh)

Alltag:

Sprachen (Reihenfolge, in der sie am besten verstanden werden):
Portugiesisch > Spanisch > Englisch, ggf. Italienisch, Französisch

Wohnen:
Einfacher als in Deutschland, meist ohne Zentralheizung
Keine Namen an der Haustür, es wird nur Adresse, mit Stockwerk, angeben

Lebensmittel:
Angebot in Lissabon wie in Deutschland (Lidl sehr verbreitet),
viel frisches Gemüse, viel frischer Fisch
Spezialitäten: Serra-Schafskäse, Ziegenkäse, geräucherter Schinken (presunto), "Schwarzer Schinken" (pata negra) von schwarzen Schweinen, die Eicheln fressen, Stockfisch/getrockneter Kabeljau (Bacalhau) in jeder Form
Bis auf einzelne Produkte (Brot, Obst, Gemüse aus dem Lande) ist alles 10 bis 15 Prozent teurer als in Deutschland.

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