Online
02.11.2004
Pariser Geschichtenvon Hartmut Bercher |
|
25. Juli 2004, es ist Sonntagnachmittag und wir stehen in dritter Reihe am Rand der Radstrecke. Gleich kommen sie vorbei, die Radfahrer der Tour de France kurz vor dem Ziel ihrer dreiwöchigen Tour. Ja, wir stehen an den Champs-Elyseés in Paris. Nein, nicht als Touristen, sondern wir sind mal kurz am Sonntagnachmittag mit unserem Vespa Roller hingefahren. Wir, meine Frau und ich, wohnen jetzt schon ein Jahr in Paris, im 17. Arrondissement. Ich arbeite als Expatriot einer deutschen Firma in Paris und sie schreibt an ihrer Diplomarbeit.
Als uns der Trubel zu groß wird, fahren wir weiter an der Seine entlang, bis wir am Palais de Tokyo ein nettes Kaffee mit Blick auf die Seine und den Eiffelturm finden. Kaffe 3,50 Euro und Pastis mit Wasser und Eis 3,80 Euro – Das ist sogar recht günstig für Paris.
Weg zum Diplomingenieur
Ich, Hartmut, bin 33 Jahre, verheiratet, habe keine Kinder. Nach meinem Abi 1990 und der Bundeswehr bei der Deutsch-Französischen-Brigade absolvierte ich eine Berufsausbildung zum staatlich geprüften Finanzassistenten bei der Dresdner Bank in Freiburg. Danach, 1994, hatte ich die Wahl: zwischen einem Angebot der Dresdner Bank für ein berufsbegleitendes Studium an der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt und dem Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Fridericiana zu Karlsruhe. Die Wahl fiel auf das Studium in Karlsruhe, das ich als Diplom-Wirtschaftsingenieur, Fachrichtung Unternehmensplanung, abschloss.
Im Job rotieren
Danach, mittlerweile war ich 28 Jahre, hieß es: Arbeiten, aber wo? BMW in München, SAP in Walldorf, Dresdner Bank in Frankfurt oder Henkel in Düsseldorf? Wer hat das beste Nachwuchsprogramm? Wer bietet internationale Entwicklungsmöglichkeiten? Trainee-Programm oder Training on the Job? Und interessant sollte der Job natürlich auch sein.
Die Henkel KGaA in Düsseldorf bietet im Einkauf ein Führungsnachwuchsprogramm an, für das ich mich schließlich entschied. Der Aufbau ist so simpel wie interessant für einen Berufseinsteiger. Zwei Jahre Training-on-the-Job in einem Einkaufsbereich. Danach zwei Jahre in einem anderen, zum Beispiel im Bereich Rohstoff, Verpackung oder Einkauf „Indirekte Materialien & Dienstleistungen“ für die Henkel Gruppe. Nach ungefähr vier Jahren erfolgt der nächste Schritt: ein Auslandsaufenthalt.
Dieses Jobrotationsprogramm, wie es die Henkelaner nennen, wird begleitet von einer internationalen Seminarreihe, in der man seine jungen internationalen Kollegen kennen lernt und somit sein internationales Netzwerk nach und nach aufbaut.
Henkel versucht, im Führungsnachwuchskräfteprogramm das „Triple Two" Konzept umzusetzen: zwei Länder, zwei Unternehmensbereiche, zwei Funktionen. Dies soll jedem Manager die Möglichkeit geben, das Unternehmen in verschiedenen Ländern und verschiedenen Bereichen kennen zu lernen und dadurch die Karrieremöglichkeiten innerhalb des Unternehmens zu steigern.
My way
In meinem Fall begann ich in Düsseldorf im Technischen Einkauf. Ich erhielt Verantwortung für kleinere und mittlere Investitionsprojekte sowie den Einkauf von Energien, wie Wasser, Strom und Gas, für alle Standorte in Deutschland. Im Herbst 2000 beteiligte Henkel sich an der Gründung von zwei Internetmarktplätzen für die Online-Beschaffung von direkten und indirekten Materialien. Obwohl ich erst neun Monate im Unternehmen war, wurde ich ins Projektteam berufen. Dort war ich als Vertreter des Unternehmens für die Auswahl eines E-sourcing Tools (Online-Ausschreibungen und -Auktionen) verantwortlich. Die Arbeit mit Vertretern anderer deutscher Großunternehmen war die bis zum damaligen Zeitpunkt interessanteste Aufgabe in meinem jungen Arbeitsleben.
Für die nächsten zwei Jahre erhielt ich eine Aufgabe im Allgemeinen Einkauf und nach dreieinhalb Jahren wurde mir die Übernahme des technischen Einkaufs für Frankreich angeboten. Also eine Stelle in Paris und die Gelegenheit, sowohl beruflich als auch privat eine andere Kultur kennen zu lernen. Nach kurzer Rücksprache mit meiner Frau stand die Entscheidung fest: Wir ziehen um, nach Paris.
Weg nach Paris
Zur Vorbereitung unseres Aufenthaltes erhielt ich eine Auffrischung meiner Französischkenntnisse und eine Informationsbroschüre um mich im Bürokratie-Dschungel Frankreichs zurechtzufinden. Allerdings war alles nur halb so wild. Die Formalitäten mit den Steuerbehörden klärt der Steuerberater der Firma, die Wohnungssuche wird durch eine Relocation-Agentur unterstützt und der Umzug vom Rahmenvertragspartner der Firma organisiert. Auch die Integration des Partners in die neue Umgebung wird finanziell gefördert. Also, was steht da einem Leben wie Gott in Frankreich noch im Wege?
Baguette – aber wie?
Eine neue Stadt, ein neues Land und vor allem eine neue Sprache sind schon gewöhnungsbedürftig. Dies beginnt bereits in der Bäckerei, wenn die Angestellte beim Baguette-Einkauf fragt: „Comment voulez-vous votre baguette?“, und man einfach nicht weiß, was sie damit sagen möchte. „Wie mögen Sie Ihr Baguette?“, frisch vielleicht? Doch nach ein paar Wochen, einem weiteren Sprachkurs und der beruflichen Sprachpraxis kehren die Schulkenntnisse bald zurück und werden täglich mit neuen Vokabeln angereichert.
Auch die finanziellen Nachteile, die man durch den Auslandsaufenthalt erfährt, werden durch Gehaltsanpassung, Heimfahrtenregelungen und weitere Vergünstigungen mehr als ausgeglichen. Somit kann man durchweg von einer guten Organisation des Auslandsaufenthaltes sprechen und muss nicht in Panik verfallen, wenn das eigene Unternehmen einem solch ein Angebot unterbreitet. Man sollte dies als Chance betrachten, die einem auf befristete Zeit geboten wird. Vor allem ist es in meinen Augen sehr wichtig, dass die Rückkehr in das Heimatland absehbar ist und durch den Expatriot-Vertrag gesichert wird.
Arbeiten à la française
Der Arbeitsalltag unterscheidet sich in den Arbeitszeiten, in der Länge und Häufigkeit der Kaffeepausen. Man beginnt in der Regel eine Stunde später zu arbeiten und geht auch dementsprechend später nach Hause. Die Besprechungen dauern meist länger als in Deutschland und oft wird auch kein Arbeitsplan erstellt. Somit erwartet man oft Informationen der Kollegen, die dies allerdings, wenn man Sie darauf anspricht, offensichtlich alles ganz anders verstanden haben und mit der Diskussion, die bereits geführt wurde, erneut beginnen. Aber Diskutieren ist hier Volkssport und bringt oft neue Erkenntnisse über die Arbeit oder das Privatleben des Kollegen, die man ansonsten nie erfahren hätte.
Auch wenn die offizielle Unternehmenssprache Englisch ist, kann man in Frankreich leider ohne Französisch beruflich nicht überleben. Die Beherrschung der Landessprache ist für Frankreich ein Muss. E-Mails und vielleicht noch das ein oder andere Telefonat sind auf Englisch möglich, doch spätestens bei der ersten Abteilungsbesprechung ist die Illusion dahin.
Das Arbeitsleben in Frankreich birgt so manche kleine Tücke. So muss man sich zum Beispiel an die französische Tastatur gewöhnen und fragt sich nach Monaten immer noch, warum man Pqris mit Q schreibt oder warum EXCEL mit der Zahl /=§$% nicht rechnen kann.
Mon travail
Unser Einkaufsbereich und damit meine Aufgabe haben sich seit Beginn meines Aufenthaltes in Frankreich gewandelt. Zuerst wurde der Technische und Allgemeine Einkauf im Unternehmen in Deutschland umstrukturiert. Nachdem diese Umstrukturierung abgeschlossen war, wurde mir die Aufgabe übertragen, die Einkaufsregion Westeuropa (BeNeLux und Frankreich) nach ähnlichem Muster zu restrukturieren. Damit einher ging die Übertragung von Personalverantwortung und Managementfunktionen auf mich. Um diese Aufgabe erfolgreich abschließen zu können, wurde mir eine Verlängerung des Aufenthaltes in Frankreich angeboten. Daraus ergibt sich nun die nächste Herausforderung: die Prozesse und Strukturen in der Einkaufsregion mit vier Ländern, drei Sprachen und drei SAP Systemen so homogen wie möglich zu gestalten. Eine interessante Aufgabe, die sicherlich in den verbleibenden zwei Jahren keine Langeweile aufkommen lässt.
Und dann?
Was passiert nach dem Auslandsaufenthalt? Wird mir auch in der Heimat wieder ein interessanter Job geboten? Kümmert sich die Firma darum, oder muss ich dies selbst in die Hand nehmen? Leider gibt es für diese Fragen keine generelle Antwort, auch wenn ich Unterstützung durch ein Tutorsystem erhalte. Der Tutor hat die Aufgabe, während des Auslandsaufenthaltes den Kontakt zum Expatriot aufrechtzuerhalten und sich um dessen Wiedereingliederung in die Heimatorganisation zu kümmern. Jedoch sollte man versuchen, das persönliche Netzwerk in der Heimat fortzuführen. Dies fördert den Informationsaustausch auf beruflicher und privater Basis und erleichtert sowohl die Wiedereingliederung, als auch den bevorstehenden Abschied von der zweiten Heimat - zu der Paris in der Zwischenzeit für uns geworden ist.
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Im Fokus Frankreich
Was kostet…
…ein Kaffee?
4 Euro
…ein Snack?
6 Euro
…ein Abendessen?
25 Euro
…ein Abend mit Freunden?
30 Euro
Was ist…
…besonders günstig?
Käse
…besonders teuer?
Gemüse, Obst
Alltag:
Sprache:
Französisch
Wohnen:
Teuer, schlechter Standard, hohe Heizkosten
Lebensmittel:
Teuer außer französische Standardprodukte, z.B. Baguette, Wasser
Gehalt:
Ca. 10-15% geringer als in Deutschland
Vorsorge:
Hohe Sozialabgaben, ca 25% mehr als in Deutschland
Joballtag:
Viele Diskussionen, kreativ, wenig produktiv, sehr hierarchisch
Gern gesehen:
Kaffeepausen und Kaffe (Espresso) an der Theke
Tabu:
Auf Misserfolge oder Niederlagen der Grande Nation hinweisen
Besonderheiten
Bezahlung mit Cheque fast überall akzeptiert
(nach den Frankreich-Erfahrungen von Hartmut Bercher)