19.07.2004
Hinter der großen Mauervon Martin Rath |
|
Alle Welt spricht von "Globalisierung". "Interkulturelle Kompetenz" ist in aller Munde. Was erfährt man in einem Seminar zur "interkulturellen Kompetenz", was man nicht auch aus einem guten Reiseführer erführe?
Seminare, die die chinesische Kultur näher bringen, bieten vor allem praktisches Wissen. Die Teilnehmer üben konkrete Rollen: Beispielsweise kann man anhand eines Organigrams erfahren, wie sich die Menschen in der Hierarchie eines chinesischen Unternehmens verhalten.
Wie sieht das konkret aus?
Gesten haben große Bedeutung. Wie, zum Beispiel, stellt man sich vor? Von Geschäftsleuten wird erwartet, dass sie ihre Visitenkarte mit beiden Händen überreichen. Mit einer leichten Verneigung. Die Visitenkarte gilt gewissermaßen als "Symbol der Existenz". Die Visitenkarte erleichtert das Leben in China erheblich: Früher musste man etwa bei einem Bankett anhand der Sitzordnung und des Gewandes herausfinden, wer auf welcher Stufe der Rangordnung steht.
Betriebswirte kennen China oft vielleicht nur aus populären Büchern zu "Strategemen" oder der "Kunst des Krieges". Sind solche Kenntnisse nützlich?
Wenn man zum Beispiel ein "Strategem" kennt, macht das durchaus Eindruck. Um chinesische Denkstrukturen kennen zu lernen, ist es sicher nützlich, sich mit "Strategemen" zu befassen. Aber in der jüngeren Generation nimmt das Interesse daran ab.
Das macht in China Eindruck
Der Name ist korrekt in chinesischen Schriftzeichen auf der Visitenkarte abgedruckt.
Man beherrscht einige Worte Chinesisch.
Bei einem Bankett kann man gut mitsaufen - oder man hat eine wirklich gute Ausrede.
Es überrascht, wenn man sich gut in der chinesischen Geschichte auskennt und es gut anzubringen weiß.
Das sollten Sie nicht tun
Am Tisch in ein Taschentuch zu schnäuzen, ist sehr unbeliebt.
Enger Körperkontakt ist tabu, zum Beispiel eine Umarmung.
Völlig unüblich ist offener Streit, beispielsweise vor der Belegschaft. Mit Kritik sollte man vorsichtig umgehen.
Ausländer haben es einfacher
Der Polizei-Befehl "Bitte ausruhen!" an ausländische Gäste ist symptomatisch. Eine Anekdote von Nora Sausmikat.
Mein Freund und ich machten eine Reise ins chinesische Grenzland zu Nordkorea, in einen chinesischen Nationalpark. In einem Bauernhof, der zum Gasthof umgebaut worden war, übernachteten wir - zusammen mit chinesischen Studentenpärchen.
Morgens um 1.00 Uhr kam die Polizei: Sie richteten sich in der Küche ein, verhörten - fast - alle Gäste, wollten sich die Heiratsurkunden vorlegen lassen - sofern jemand eine gehabt hätte. Wir - als ausländische Gäste - blieben außen vor, von uns wollte man nichts wissen. Als ich mich einmischte, hieß es: "Bitte ausruhen!"
Letztlich ging es der Polizei darum, den Gewinn unserer Gastwirte abzuschöpfen. Korruption. Sicher kein untypischer Fall. Es fehlt in China an Rechtssicherheit. Beispielsweise gibt es keine rechtliche Norm, die es der Polizei erlaubt, solche nächtlichen Razzien vorzunehmen. Damit rechnen muss man gleichwohl.
Autorin:
Dr. Nora Sausmikat ist Lehrbeauftragte, unter anderem im Chinareferat bei Inwent (ehemals Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung, Vorbereitung von deutschen Fachkräften auf China). Sie studierte in Chengdu/ V.R. China und Berlin Sinologie.