7. Dezember 2001
Research im Reich der Mittevon Said Abdullah Haschemzada |
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Aus diesem Grund entschied ich mich für eine zeitweilige praktische Tätigkeit als Bauingenieur im Ausland – neben der Hochschule. Doch ich musste feststellen, dass ein Auslandspraktikum bei einem großen deutschen Bauunternehmen so gut wie unmöglich ist.
Die Gründe seitens der Baufirmen waren sehr unterschiedlich und reichten bis zu unbegründeten Absagen. Nach einiger Zeit war ich kurz davor, die Hoffnung aufzugeben. Glücklicherweise ergab sich jedoch durch eine chinesische Freundin, mit der ich zusammen in Kassel Bauingenieurwesen studiere, die Chance zu einem Praktikum in China – bei dem amerikanischen Energiekonzern AES.
Dabei handelte es sich um die Mitarbeit am Bau des größten Kohlekraftwerks Chinas. Glücklich über diese Chance, hatte ich dennoch Bedenken. Während ich auf der einen Seite mit China ein exotisches und kulturell vielseitiges Land verband, machten mich auf der anderen Seite die Medienberichte nachdenklich: China sei ein Land mit einem sozialistischen System, ohne Demokratie und ohne Freiheit für die Menschen.
Welcome to Beijing
Doch dann war es soweit: Früh morgens im April 2000 landete mein Flugzeug bei sommerlichen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit auf dem Flughafen Beijing. Zum Glück blieb mir nach meiner Ankunft noch ausreichend Zeit, um mich zu akklimatisieren und die Millionenstadt ein wenig kennen zu lernen.
Mit einem Inlandsflug von Beijing nach Taiyuan und Weiterfahrt per Bus erreichte ich schließlich, zwei Tage später, meinen Praktikumsort: Die Stadt Beiliu in der Provinz Shanxi. Bei meiner Ankunft an meinem Arbeitsplatz in der Kohlekraftanlage „Yangcheng“ erschien mir die Anlage zuerst wie eine riesige technische Errungenschaft der menschlichen Zivilisation, die kein normaler Mensch auf Anhieb verstehen könnte. Die Größe des Projektes und der komplexen technischen Einrichtungen verwirrten mich, weckten aber zugleich meine Neugierde darauf, was mich beruflich hier erwarten sollte.
Nach einer freundlichen Begrüßung durch das AES-Team erklärte mir mein Chef, dass es in der Einführungsphase darum ginge, in Zusammenarbeit mit den AES-Ingenieuren das komplexe Kraftwerk zu verstehen – sowohl technisch als auch arbeitsorganisatorisch. Dazu erhielt ich einiges an Literatur, eine Kopie des Joint- Venture-Vertrages sowie einige Schemata zum Grundverständnis der Anlage. Somit waren meine „Aufgaben“ für den Anfang geklärt.
Sprachliche Barrieren
Wie bei jedem Start an einem neuen Arbeitsplatz hieß es auch in der Kraftanlage „Yangcheng“ zunächst, die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten, einen ersten Überblick zu gewinnen und langsam mit den neuen Kollegen „warm zu werden“. Während sich die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren – unter anderem Engländer, Amerikaner und Pakistaner – in der Arbeitssprache Englisch von Anfang an unproblematisch gestaltete, war es nicht leicht, das Vertrauen der chinesischen Kollegen zu gewinnen.
Das größte Problem stellte die sprachliche Barriere dar, denn nur wenige von ihnen beherrschten die englische Sprache. Doch die Probleme waren schnell überwunden, da sich mit Hilfe der Zeichensprache oder auch Mathematik Vieles erklären lässt.
Aus Bequemlichkeit suchte ich dennoch zu Beginn meines Praktikums häufig die Nähe zu den deutschen Ingenieuren von der Firma Siemens, die unter anderem die Turbinen für die Kraftanlage lieferten. Mit ihrer Unterstützung und der Hilfe der AES-Ingenieure dauerte es nicht lange, bis ich die Anlage im Groben verstand. Mit der Zeit reduzierten sich auch die sprachlichen und menschlichen Barrieren und mir wurden als kompetentem Mitarbeiter verantwortungsvolle Aufgaben übergeben.
Mängelbeseitigung und andere Aufgaben
Die Firma AES ist keine bautechnisch ausführende Firma, sondern einer der Hauptinvestoren der Kraftanlage, die diese später eigenverantwortlich betreibt. Die eigentliche Bauleistung erfolgt durch chinesische Großfirmen, so genannte Construction Companies. Diese führen die Bautätigkeiten, aber auch alle anderen Arbeiten aus den Bereichen Maschinenbau und Elektrotechnik durch.
Dennoch beschäftigt der Energiekonzern zahlreiche Ingenieure, die in jeder Kraftanlage für den Konzern als Eigentümer die problemlose und qualitätssichere Realisierung des Projektes garantieren. Auch mir stand als zukünftigem Bauingenieur unter anderem die Aufgabe der „Bauleitung“ zu. Damit ist jedoch nicht die aktive Rolle des Bauleiters gemeint. Wenn mir Probleme auf der Baustelle auffielen, gab ich diese Nachricht an die leitenden chinesischen Bauingenieure weiter, die sich dann darum kümmerten.
Als einer der Bauherren ist die Firma AES an einer reibungslosen und schadensfreien Herstellung der Anlage, und zwar in der vorgegebenen Zeitdauer, interessiert. Damit gehörte die Kontrolle des Projektes hinsichtlich Zeit, Kosten und Qualität ebenfalls zu meinen Aufgaben.
Um eine Mindestqualität nach westlichen Standards zu erreichen, musste ich die Baustelle häufig besuchen und zahlreiche Bilder der jeweiligen Bauphasen aufnehmen. Diese Aufnahmen, die unter anderem Baumängel darstellten, wurden später mit einem Bericht an die verantwortlichen Baufirmen mit der Bitte um Mängelbeseitigung weitergegeben. Zur Reduzierung der Mängel, aber auch zur Klärung anderer Probleme, erfolgten täglich zwei Sitzungen, an denen ich teilnahm und zu denen ich anschließend für meinen Chef einen Protokollbericht verfasste.
Neben anderen Ingenieuren war ich außerdem für die Bereiche der Gebäudeinstallation und den Brandschutz der gesamten Anlage verantwortlich. Bei Problemen, die sich in anderen technischen Bereichen ergaben, arbeitete ich mit Kollegen verschiedenster Fachrichtungen zusammen – eine interdisziplinäre und interessante Arbeit zugleich.
Das Praktikum als Härtetest
Durch meinen sechsmonatigen Auslandsaufenthalt sammelte ich viele wertvolle Erfahrungen – menschlich wie beruflich. Diese haben meinen Horizont für eine globale Denkweise stark erweitert. Neben all den Einblicken in Leben und Kultur bot mir der Aufenthalt in China Gelegenheit, meine Sprachkenntnisse zu verbessern und interessante Menschen kennen zu lernen.
Außerdem ließ er mich den beruflichen Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen hautnah erleben. Das Praktikum war ein erster „Härtetest“ für meine Anpassungsfähigkeit und mein Durchsetzungsvermögen. Qualifikationen, die heute jeder für die erfolgreiche Durchführung eines selbstständigen Projekts im Ausland mitbringen sollte.
Aus beruflicher Sicht war dieser Auslandsaufenthalt von großem Vorteil. Die Globalisierung der Märkte macht auch vor der Bauindustrie nicht halt, die sich infolge der konjunkturellen Schwierigkeiten der letzten Jahre zunehmend umstrukturieren musste. Viele deutsche Bauunternehmungen weiten ihre Auslandstätigkeit zunehmend aus, fassen auf ausländischen Märkten Fuß und operieren dort Gewinn bringend mit Spezialaufträgen oder in Marktnischen.
In manchem Unternehmen, beispielsweise bei Hochtief, trägt das Ausland schon heute mehr zum Geschäftsvolumen bei als das Inland. Dies ist im Wesentlichen auf zwei Entwicklungen zurückzuführen. Und zwar auf den Zuwachs des Auslandsgeschäftes in absoluten Zahlen sowie den gleichzeitigen Rückgang des Inlandsgeschäftes.
Spezialisten mit breitem Horizont
Mit Sicherheit kann man davon ausgehen, dass die Aussichten in Asien für deutsche Unternehmen bereits heute sowie in absehbarer Zukunft – mit veränderten Länderschwerpunkten – viel versprechend sind. Um in diesem Markt erfolgreich zu sein, benötigt man Geduld, lokale Partnerschaften und eine gewisse Risikobereitschaft.
Ebenfalls entscheidend ist die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal: Gefragt sind Generalisten mit Erfahrungen im internationalen Bau- und Systemgeschäft und mit der Bereitschaft, in globalen Kategorien zu denken und zu handeln.
Für angehende Ingenieure bedeutet dies, dass sie die Zusammensetzung ihrer Studieninhalte soweit wie möglich interdisziplinär gestalten sollten. Spezialisten mit breitem Horizont, die mit Fachleuten anderer Gewerke und Nationalitäten qualifiziert kommunizieren können, gehört die Zukunft.
Entsprechend wäre es wünschenswert, wenn auch die Hochschulen interdisziplinäre Elemente stärker als bisher in den Lehrinhalten verankern würden.
Nur wer Interdependenzen im Baugeschehen begreift, kann als Ingenieur heute und morgen bestehen. Daher lautet das Motto für unsere Zukunft: ganzheitlich denken, teamorientiert arbeiten, mit System bauen oder auch global denken und lokal handeln.
Said Abdullah Haschemzada, 26, studiert Bauingenieurwesen, Architektur und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Gesamthochschule in Kassel.
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