18.06.2004
China-Boomvon Stefan Mueller |
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"Reich der Mitte" oder "Mittelpunkt der Erde" - so wird China nach dem alten Weltbild der Chinesen bezeichnet. Diese Anschauung gewinnt im Rahmen der heutigen Internationalisierung und Globalisierung neue Aktualität. Die wirtschaftliche Bedeutung des Landes mit seinen mehr als eine Milliarde Einwohnern erlebte in den letzen Jahren einen rasanten Aufschwung. Wie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen gilt China auch für den Handel als einer der Wachstumsmärkte schlechthin. Der Markteintritt für internationale Handelsunternehmen ist daher eine strategische Notwendigkeit.
Markteintritt und Expansion
Die METRO machte bereits 1995 als eines der ersten Handelsunternehmen den Schritt nach China und eröffnete 1996 in einem Joint Venture mit der Jinjiang Gruppe den ersten Großhandelsmarkt in Shanghai. Bis Ende 2003 wuchs die Zahl der Märkte auf 18 an. In Zukunft wird weiter expandiert: 40 neue Märkte sollen in den nächsten drei bis fünf Jahren eröffnet werden.
Deutliche Positionierung
Das Konzept "Cash & Carry" - also die direkte Ansprache von gewerbetreibenden und professionellen Kunden sowie die sofortige Verfügbarkeit von Waren - war der chinesischen Handelslandschaft bisher fremd. Daher ist eine nachhaltige Kommunikation und Aufklärung von Kunden und Lieferanten über das Geschäftskonzept, das Sortiment und die Serviceleistungen sehr wichtig. Diese deutliche Positionierung ermöglicht eine klare Diffenzierung gegenüber dem Wettbewerb: Zum einen hebt sich das Handelsunternehmen mit seinen hohen Qualitäts- und Hygienestandards speziell von den lokalen Straßen- und Frischemärkten ab. Auf diesen werden in großen Mengen Fleisch, Fisch, Gemüse und andere Frischeprodukte auf offenen Plätzen oder in Lagerhallen zu günstigen Preisen, jedoch in einem hygienisch bedenklichen Umfeld angeboten. Zum anderen wird über die professionelle Sortimentszusammenstellung, die Warenpräsentation und Verfügbarkeit eine Unterscheidung zu großen lokalen und internationalen Handelsketten erzielt.
Anlieferung per Fahrrad
Dies sichert jedoch keineswegs eine unantastbare Marktstellung. China boomt, und die Entwicklung der Handelslandschaft erfolgt in einer rasanten Geschwindigkeit. Eine entsprechende Anpassung und Optimierung des Leistungsangebots kann nur über eine ständige Auseinandersetzung mit den Kunden erfolgen. Außerdem stellen ein noch wenig entwickeltes Lieferanten- und Logistiknetz in einem Land mit einer enormen demografischen Ausbreitung zusätzliche Anforderungen an die Beschaffung. Viele Produzenten haben kleine Betriebe und können ihre Produkte nur in einer Region, jedoch nicht flächendeckend vermarkten. Die Anlieferung der Waren an den Großmärkten erfolgt nicht selten über Kleintransporter, wenn nicht sogar über Fahrräder mit kleiner Ladefläche.
Offenheit und Toleranz
Daher hat die METRO im vergangen Jahr China in vier Geschäftseinheiten unterteilt - mit dem Ziel, so dicht wie möglich an Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern zu agieren und die Expansion weiter voranzutreiben.
Diese Entwicklung stellt nicht nur hohe Anforderungen an materielle Ressourcen, sondern auch an das Personal. In China kooperiert ein Team von zirka 40 Europäern eng mit den chinesischen Kollegen in der Zentrale und in den Märkten. Den ausländischen Mitarbeitern kommt dabei eine besondere Rolle zu: Neben der gewohnten Arbeit müssen sie ihr konzeptionelles Wissen systematisch auf die chinesischen Mitarbeiter übertragen und die operationale Umsetzung begleiten.
Die Berücksichtigung der lokalen und kulturellen Besonderheiten hat hierbei einen besonderen Stellenwert. Die notwendige Auseinandersetzung mit der Kultur, der Sprache und anderen Verhaltensmustern stellen hohe Anforderungen an die ausländischen Mitarbeiter. Neben Fachkompetenz sind Sozialkompetenz, Eigenmotivation und Durchhaltevermögen wesentliche Erfolgsfaktoren. Des Weiteren ist speziell in den ländlichen Regionen abseits der Großstädte eine Offenheit und Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Lebensstandards gefragt. Trotz der rasanten Entwicklung und der starken Verbesserung der Versorgungslage bleiben die Detailtreue und auch die hygienischen Verhältnisse noch vielfach hinter europäischen Standards zurück.
Aller Anfang ist schwer
Besonders anspruchsvoll ist für die europäischen Mitarbeiter die Anfangsphase. Eine gute Vertrauensbasis und Akzeptanz ist die Voraussetzung für effektives Arbeiten. Wichtig ist, dass Sprachbarrieren schnell durch alternative Kommunikationsmöglichkeiten überwunden werden und eine persönliche Aufgeschlossenheit da ist. Englisch kann generell nur im mittleren und gehobenen Management beziehungsweise in Großstädten vorausgesetzt werden. Je mehr man sich von den großen Metropolen in ländliche Regionen bewegt, umso notwendiger ist es, Chinesisch zu sprechen oder sich mit Hilfe von Dolmetschern zu verständigen und sich mit der Kultur auseinander zu setzen.
Fingerspitzengefühl
Wenn die Vertrauensbasis aufgebaut ist, gilt es, den persönlichen Führungs- und Managementstil mit viel Fingerspitzengefühl an die lokalen Unterschiede und Besonderheiten anzupassen. Delegation und Teamwork werden in China anders wahrgenommen als in Europa. Chinesische Unternehmen sind zumeist streng hierarchisch organisiert und werden zumeist noch durch einen autoritären Führungsstil determiniert. Dies führt zu einer stärkeren Delegation von Entscheidungskompetenz nach oben, und so landen gerne auch kleinste Themen auf dem Schreibtisch von mittlerem und gehobenem Management.
Was geht?
Außerdem besteht die Tendenz, sich nur für den eigenen Bereich zuständig zu fühlen. Für Vorgänge im unmittelbaren Einflussbereich wird Verantwortung übernommen, jedoch scheint die Nachverfolgung, geschweige denn die Beeinflussung von abteilungsübergreifenden Prozessen als nahezu unmöglich.
Zugleich besticht China durch ein sehr hohes Maß and Flexibilität und Aktionismus. Das Motto "Geht nicht gibt's nicht" wird hier gelebt. In Deutschland ist es kaum vorstellbar, dass Projekte in einem derart kurzen Zeitfenster verwirklicht werden können. Zwar bleibt die Genauigkeit im Detail sehr häufig auf der Strecke, jedoch schenkt man diesem hier weniger Beachtung.
Lerneffekte
Diese Unterschiede in Mentalität, Handlungsweise und Sprache führen zu zusätzlichen Reibungsverlusten, die sich unter anderem auch in einem stärker "hands on"-orientierten Arbeiten und längeren Arbeitszeiten ausdrücken. Alles in allem ist der Auslandseinsatz aber eine berufliche wie auch persönliche Bereicherung. Beide Kulturen, die deutsche und chinesische, haben unterschiedliche Stärken und können voneinander lernen.
Die neu gewonnenen Impressionen und Erkenntnisse sind eine Bereicherung für die persönliche Arbeitseffektivität und Sozialkompetenz. Zu guter Letzt ist es eine besondere Motivation, die erfolgreiche Entwicklung eines internationalen und multikulturellen Unternehmens in einem boomenden Land wie China aktiv mit zu gestalten und voranzutreiben.
Der Autor
Stefan Mueller ist seit 2004 als Management Development Manager für die METRO China tätig.