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Ausland

26.03.2004

Mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein

von Heike Jüds, Foto: Albrecht Brückner
Journal

Albrecht Brückner, 36, hat seit 1998 als Kinderarzt in einem Krankenhaus in Speyer gearbeitet. Sein Informatikstudium brach er nach dreieinhalb Jahren ab, um ein Medizinstudium aufzunehmen. Er wollte in der Entwicklungshilfe arbeiten. Seine Famulatur absolvierte er in Peru. Direkt nach dem AIP bewarb er sich bei „Ärzte ohne Grenzen“. Der karriereführer sprach mit Albrecht Brückner, der zweimal in Afrika war und dort mehr als die Bekämpfung der Cholera gelernt hat.

von links nach rechts:
Moses unser Lagerverwalter für medizinisches Material in Uganda, Francis - ein Krankenpfleger aus Liberia, mit dem Brückner eng zusammengearbeitet hat, Albrecht Brückner - David, einer unserer Fahrer aus Uganda.

Sehen Sie Ihre Arbeit in Afrika als Tropfen auf dem heißen Stein?

Der Gedanke liegt nahe, weil es Regionen gibt wo man sofort wieder hingehen könnte. Auf der anderen Seite kann ich von Deutschland aus, auf Probleme aufmerksam machen. Zum Beispiel: Warum sind Malaria- und HIV-Medikamente so teuer? Die Therapie von HIV, auch wenn sie immer billiger wird, kostet zirka 150 Euro im Jahr. Das sind bei 18-20 Millionen Patienten eine Menge Geld. Einen Staat frisst das finanziell auf. Die Verluste betreffen aber nicht nur das Gesundheitswesen, sondern auch das Fachpersonal. Zum Beispiel versterben mehr Lehrer an HIV, als der Staat ausbilden kann. Lehrer haben Geld, reisen und haben mehr als einen Partner im Leben. Dadurch erhöht sich das Infektionsrisiko. Das betrifft alle ausgebildeten Leute an der Universität. Die einfachen Bauern bleiben meist in ihren Dörfern und von HIV weitestgehend verschont. Welche Firma geht bei diesem Risiko nach Afrika, wer will dort produzieren? Dadurch wird HIV zu einem wirtschaftlichen Problem und das betrifft auch uns.

Sie haben in Mosambik direkt nach ihrem AIP gearbeitet. Fühlten Sie sich dafür ausreichend ausgebildet?

Während des Studiums habe ich kontinuierlich im Krankenhaus gearbeitet und hatte dadurch praktische Erfahrung. Wenigstens das kleine Einmaleins der Medizin. Mulmig war mir schon, aber es war kein Problem.

Wie haben Sie Ihre Verantwortung empfunden?

Der Unterschied zu Deutschland ist deutlich. Ich hatte mehr Entscheidungen zu treffen, Verhandlungen zu führen, Besprechungen zu organisieren. Alles Dinge, die im Krankenhaus die Position eines Chefarztes ausmachen. Das war ganz neu für mich. Auch dass ich als Arzt immer exponiert war. In Afrika ist es üblich, wenn Regierungsstellen etwas wissen oder verhandeln wollen, wenden die sich an den Ranghöchsten. Und das ist in der Regel der Arzt.

Wenn so viele Patienten sterben, bleibt dann überhaupt Zeit für Menschlichkeit?

Die Zeit muss immer sein. Aber wenn hunderte sterben, wird es schwer. Wir haben in Mosambik glücklicherweise nicht so viel Patienten gehabt, die verstorben sind. Wichtig ist es, die Riten und Bräuche zu kennen und zu respektieren. Zum Beispiel kümmern sich die Angehörigen um die Verstorbenen und feiern bei der Beerdigung ein riesiges Fest. Aber bei der Cholera sind die Toten weiter ansteckend und verlieren immer noch Keime. Auch wird die Krankheit über Nahrungsmittel übertragen. Dann muss man einen Kompromiss finden, so dass die Angehörigen ihre Toten beerdigen können, ohne sich dabei anzustecken, zum Beispiel durch Händewaschen. Mit Aufklärung ist das möglich.

In welcher Sprache haben Sie die Bevölkerung aufgeklärt?

In Mosambik ist die Landessprache Portugiesisch. Aber die wenigsten sprechen diese Sprache. Die meisten sprechen Dialekte. Das geht dann nur mit einem Dolmetscher. Wir hatten das große Glück, dass viele Einheimische in der ehemaligen DDR gearbeitet hatten und dadurch Deutsch konnten. Die Helfer konnten ihren Landsleuten in ihren Sprachen, ihren Dialekten unsere Ideen übersetzen. Es war dann nicht so, dass irgendein Weißer von weit her kommt und bestimmt, wie die Welt funktioniert. Die Leute waren dadurch sehr viel zugänglicher.

Gab es eine Situation, in der Sie am liebsten aufgegeben hätten?

Richtig aufgegeben, nein. Aber es gab Situationen, in denen ich ins Grübeln kam. Da ich aus der Kinderheilkunde komme, ist es eher selten, so viele Patienten so schnell sterben zu sehen. In Afrika kam der Patient rein, war total ausgetrocknet und verstarb nach zwei bis drei Minuten. Zweifel entstehen in solchen Situationen. Aber es war auch ein gutes Zeichen für die eigene Gewissenhaftigkeit. Wir arbeiteten vor Ort in einem Team und da hängt es von vielen Dingen ab, wenn Patienten sterben. Es war Qualitätsmanagement, das wir dort betrieben haben: Was können wir tun, womit können wir die Überlebens-Chancen verbessern? Welche Schulung lohnt sich?

Wie sah die Teamarbeit in Mosambik aus?

Wir waren ein kleines Team neben mehreren anderen Teams, die alle verschiedene Aufgaben hatten. Unser Team bestand aus zwei Krankenschwestern und einem Logistiker, dazu ich als Arzt. Die Logistiker sind die, die alles organisieren. Vom Aufbau des Choleracamps, das wie ein Krankenhaus aus Zelten ist, über die Versorgung mit medizinischem Material und die Versorgung mit Verpflegung für die Patienten und Personal, bis hin zum wichtigsten Gut überhaupt: dem sauberen Wasser. Je weiter entlegen das Gebiet ist, umso schwieriger ist der logistische Aufwand. Aber medizinische Arbeit ist nur möglich, wenn die Voraussetzung für Medikamente und sauberes Wasser geschaffen ist. Sind die Teams gut aufeinander eingespielt und werden die Fähigkeiten der einzelnen sinnvoll genutzt, dann klappt die Arbeit gut und es macht Spaß. Jeder lernt viel und sieht auch die Erfolge.

Haben Sie von den Kämpfen etwas mitbekommen?

Manchmal haben wir nachts etwas davon gehört und die Feuer gesehen. Auch die Soldaten sind bei uns durchgekommen, gesund in das Kampfgebiet reinmarschiert und verwundet wieder rausgekommen. Aber wir selbst waren nicht verwickelt.

Haben Ihnen Ihre Erfahrungen des Mosambik-Einsatzes in Uganda geholfen?

Ja, sehr. Ürsprünglich war die Überlegung von „Ärzte ohne Grenzen“, dort ein Malariaprojekt zu starten. Wir sollten ganz gezielt die Präventions-Arbeit auszuweiten. Das hat sich dann etwas anders gestaltet. Es gab immer wieder kleinere Choleraepidemien. Dabei haben meine Kenntnisse aus Mosambik geholfen. Auch kannte ich mich schon in Organisation und Ablauf aus.

Wie schätzen Sie Ihre Arbeit in Afrika ein: Ist es Not- oder Entwicklungshilfe?

Sehr viel Nothilfe, aber in manchen Punkten geht es in Entwicklungshilfe über. Unsere Arbeit in Mosambik war ganz klar Nothilfe. Das Projekt in Uganda war die Grenze zwischen akuter medizinischer Nothilfe und Entwicklungshilfe, weil es schon seit Jahren lief. Die Probleme waren kleiner geworden, aber je tiefer man in die Problematik einstieg, umso mehr Probleme hat man gefunden. Wenn man zum Beispiel gewisse Standards im Gesundheitswesen von der Regierung einfordert, befindet man sich schon in der Entwicklungshilfe.

Welche Ihrer Erfahrungen aus Afrika nutzen Sie bei Ihrer Arbeit in Deutschland?

Ich habe gelernt, sehr viel selbstständiger zu arbeiten und mehr selbst zu organisieren. Mein Blick ist geschärfter. Ich weiß nicht, wie ich mich entwickelt hätte, wenn ich das nicht gemacht hätte. Der Umgang mit Leben, Krankheit und Tod ist in Afrika ein anderer. Seitdem bin ich viel stärker in der Lage, mit Angehörigen über die schwierigste Phase, den Tod, zu reden.

Welchen Unterschied gibt es in der Eltern-Kind-Beziehung zwischen Afrika und Deutschland?

In Afrika gehen die Eltern einerseits sehr herzlich mit ihren Kindern um und kümmern sich rührend um sie. Andererseits merkt man aber auch, dass der Tod etwas relativ häufiges ist. Die Kindersterblichkeit liegt zwischen zehn und 20 Prozent, jedes fünfte Kind stirbt. Die Eltern akzeptieren den Tod sehr viel schneller. Manchmal war das für mich zu schnell. Wenn ich dachte, wir hätten noch eine Chance, gaben die Eltern schon auf und gingen nach Hause, um sich um die anderen Kinder zu kümmern. Oder ein anderes Beispiel: Ein kleines Frühgeborenes, bei dem es klar war, dass es bald versterben wird, war mit seiner Mutter bei uns in der Klinik. Wir konnten den Säugling mit unseren Mitteln nicht retten. Für die Mutter war der Gedanke das Schlimmste, dass das Kind im Krankenhaus stirbt. Weil wir nichts mehr machen konnten, ist sie mit ihrem noch lebenden Kind auf die Reise gegangen, um es nach Hause bringen zu können.

Wie verarbeiten Sie solche Situationen?

Das Team hat sich gegenseitig geholfen. Abends haben wir uns mit den einheimischen und internationalen Mitarbeitern ausgetauscht. Ganz wichtig waren dabei die einheimischen Mitarbeiter, um die kulturellen Dinge zu verstehen. Dadurch konnte ich mit den Situationen einfacherer umgehen und Probleme leichter ansprechen.

Wie sieht Ihre Bezahlung während dieser Projektphasen aus?

Wir bekommen alles bezahlt. Sobald wir den Schlüssel in die Tür stecken und das Haus verlassen. Dazu gehört der Transport, Essen, Unterkunft, alles wird organisiert. Zusätzlich gibt es eine Aufwandsentschädigung von etwa 600 Euro im Monat. Man kommt in der Regel mit null Euro raus.

Haben Sie schon den nächsten Projekteinsatz geplant?

Nein, erst mal nicht. Ich habe gerade im April eine neue Stelle angetreten, bei der ich die nächsten Jahre bleiben werde. Ich denke es ist wichtig, sich nicht zu sehr zu zerreißen, mal sechs Monate hier, mal vier Monate da. Ich brauche meinen ruhenden Pol als Ausgleich und dann kann ich auch wieder in die weite Welt ziehen.

Weitere Infos:
Mosambik
Der erste Einsatz kam kurze Zeit nach seiner Bewerbung bei „Ärzte ohne Grenzen“. Brückner sollte für drei Monate nach Mosambik gehen. Hintergrund war eine Flutkatastrophe im Frühjahr 2000, der eine Choleraepidemie folgte. Sein Einsatzort war zusammen mit Pflegepersonal und Logistikern zwei Choleracamps in Matola westlich der Hauptstadt Maputo. Als sie die Epidemie soweit im Griff hatten, betrieben sie in der Stadt Matola Seuchenvorsorge. Dort war die medizinische Versorgung durch die Flutkatastrophe zusammengebrochen. Das Team arbeitete in zehn Auffanglager mit über 900 Familien, die alles verloren hatten. Sie informierten die Flüchtlinge über Durchfallerkrankungen, und gaben Schulungen in Hygiene. Die Gefahr bestand darin, dass sich die Cholera in die unwegsame Bergregion im Norden des Landes ausbreitete. Die Flut hatte Straßen und Brücken zerstört. Eine Versorgung wäre nicht möglich gewesen.

Uganda
Die Region Bundibugyo liegt direkt an der Grenze von Uganda zum Kongo. „Ärzte ohne Grenzen“ leitet dort seit 1999 Projekte. In der Region leben 150.000 Menschen, davon sind 120.000 Flüchtlinge auf 60 Camps verteilt. Die Ärzte arbeiten in dem vorhandenen Krankenhaus und in einer Mobilen Klinik, um die Flüchtlinge in den Lagern zu erreichen. Brückner war von Oktober 2002 bis Februar 2003 vor Ort. Es gab dort viele Binnenflüchtlinge, die vor den Bürgerkriegen im eigenen Land geflüchtet waren. In manchen Jahren waren die Angriffe der Rebellen massiv. Es wurden ständig Dörfer überfallen. Die Menschen sind dann in Regionen geflohen, in denen die Armee Posten aufgestellt hatte. Manche kamen auch aus dem Kongo. Die Flüchtlinge sind selten lange geblieben, sondern sobald sie sich sicherer fühlten, sind sie wieder in ihre Dörfer zurück gekehrt. Die Malaria war das größte Problem, weil die Menschen aus den Bergregionen keine natürliche Immunität dagegen entwickelt hatten. Dazu kamen immer wieder kleinere Choleraepidemien.


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