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Ausland

23.03.2003

New York, Rio, Tokio - oder Nowosibirsk?

von Gabriele Roeder
Journal

Wer diese Frage eindeutig mit „Ja" beantworten kann ist für den Dienst beim Auswärtigen Amt wie geschaffen. Denn der Traum von einer Tätigkeit als Kulturattaché oder Wirtschaftsreferent kann überall in der großen, weiten Welt in Erfüllung gehen. Ebenso vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten in der Zentrale des Auswärtigen Amtes in Berlin. Wie der Weg dorthin führt, erzählt Frau Dr. Miriam Wolter dem karriereführer.



Miriam WolterMiriam Wolter, 31, studierte von 1989 bis 1994 Jura in Kiel, danach ein Jahr im französischen Brest, wo sie den Grad der „Maitrise en droit publique" erwarb. Nach ihrem Start beim AA im Mai 2000 ist sie seit Mai 2001 Referentin im Arbeitsstab Menschenrechte.





Wie hoch ist der Anteil der Juristen im Auswärtigen Amt?

Im höheren Dienst sind zirka ein Drittel Juristen beschäftigt.

Gibt es neben der Rechtsabteilung noch andere Abteilungen, in denen Juristen tätig sind?

Selbstverständlich. Im Auswärtigen Amt wird das „Generalistenprinzip" angewandt - jeder soll alles machen können. Das heißt: An den Auslandsvertretungen können Juristen als Kulturattaché oder als Wirtschaftsreferentin oder Wirtschaftsreferent arbeiten. Ebenso vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten in der Zentrale in Berlin: In der Öffentlichkeitsarbeit, in den Länderreferaten, in der Kulturabteilung und so weiter - überall gibt es Juristen. Mein eigener derzeitiger Job liegt auf der Schnittstelle von Recht und Politik: Ich arbeite im Arbeitsstab Menschenrecht, zuständig für die Menschenrechtspolitik der Bundesregierung innerhalb internationaler Organisationen. Wenn also zum Beispiel eine Weltkonferenz gegen Rassismus oder gegen Kinderhandel stattfindet, dann arbeiten wir an der Vorbereitung und an der Positionsbestimmung der deutschen Delegation. Oder wenn im April auf der Tagung der Menschenrechtskommission in Genf eine Resolution zur Menschenrechtslage im Iran verabschiedet wird, dann haben wir mitverhandelt.
Außerdem ist vielleicht interessant, sich vor Augen zu führen, dass die unterschiedlichsten Rechtsgebiete für die Arbeit des Auswärtigen Amtes relevant sind. Zum einen sind es natürlich das Völkerrecht und das Europarecht. Ebenso kann man sich bei uns aber auch in der Personalabteilung mit beamten- und arbeitsrechtlichen Fragen beschäftigen. Wie in jedem großen Unternehmen gibt es bei uns Zivilrechtsfragen zu klären, Verwaltungsgerichtsprozesse werden geführt, etwa in aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten. Nahezu jedes Rechtsgebiet ist also vertreten. Das Typische an unserer Arbeit ist der ständige Wechsel: Auf jedem Posten bleibt man nur drei bis vier Jahre, dann macht man wieder etwas völlig anderes.

Werden beim Auswärtigen Amt nur Volljuristen eingestellt oder besteht auch die Möglichkeit, mit Erstem Staatsexamen in den höheren Dienst einzutreten?

Es besteht auch die Möglichkeit, mit Erstem Staatsexamen in den höheren Dienst einzutreten.

Wie sieht das schriftliche Auswahlverfahren für die angehenden Legationssekretäre aus?

Das schriftliche Auswahlverfahren besteht aus einem eintägigen Test, der in mehreren Städten in Deutschland einmal im Jahr durchgeführt wird. Zur Teilnahme an dem Test qualifiziert sich jeder, dessen
Bewerbungsunterlagen (Formulare des Auswärtigen Amtes, kein individuelles Bewerbungsschreiben) den allgemeinen Anforderungen entsprechen (z. B. Altersgrenze, abgeschlossenes Studium). Der Test besteht dann aus folgenden Einzelprüfungen:
  1. Sprachtests in Englisch und Französisch, wobei Französisch auch durch eine weitere Amtssprache der Vereinten Nationen ersetzt werden kann, nämlich durch Spanisch, Russisch, Arabisch oder Chinesisch.

  2. Aufsatz zu einem politischen oder wirtschaftspolitischen Thema. Die Themen sind zumeist aktuell. Wer intensiv Zeitung liest, kann sich zu einem der drei zur Auswahl stehenden Themen äußern. Es kommt dann darauf an, in der knappen Zeit einen ansprechenden, argumentativ überzeugenden Aufsatz zu Stande zu bringen.

  3. Vier Fragebögen mit je zwanzig Fragen zu den Sachgebieten Staats-, Völker- und Europarecht, Geschichte und Politik, Wirtschaft sowie Allgemeines aus Kunst, Kultur, Wissenschaft etc.


Worauf wird im mündlichen Auswahlverfahren besonders Wert gelegt?

Meiner Ansicht nach auf selbstsicheres, dabei bescheidenes und offenes Auftreten, Teamgeist (es werden in Gruppen zu lösende Aufgaben gestellt), rhetorische Fähigkeiten, Flexibilität und die Bereitschaft zu Mobilität.

Welche Inhalte werden innerhalb der Ausbildung vermittelt?

In dieser Zeit finden Sprachunterricht, Seminare zu Geschichte und Wirtschaft sowie Rechts- und Konsularwesen (nicht für Juristen mit 2. Staatsexamen) statt, außerdem kürzere Ausbildungseinheiten etwa zu EU-Themen, Krisenmanagement, Rhetorik, Öffentlichkeitsarbeit, Multilaterale Diplomatie etc. Darüber hinaus erhält man eine praktische Ausbildung in der Zentrale oder an einer Auslandsvertretung.

Endet dieser Ausbildungsabschnitt mit einer Prüfung und, wenn ja, wie sieht diese aus?

Bereits im Laufe der Ausbildung wird der erarbeitete Stoff abgeprüft. Sprachprüfungen, Klausuren und mündliche Prüfungen in Geschichte und Wirtschaft begleiten die Ausbildung. Zum Schluss muss man dann noch einen Aktenvortrag halten, eine einwöchige Hausarbeit schreiben und eine mündliche Prüfung ablegen.

Wie sieht der weitere berufliche Weg der Legationssekretäre aus?

Nach der Ausbildung folgt der erste Auslandseinsatz oder aber eine Referententätigkeit in der Zentrale, nach drei, vier Jahren dann der erste Wechsel, wahrscheinlich in ein ganz neues Arbeitsgebiet. Nach der Laufbahnprüfung wird man zunächst Beamter auf Probe. Die Probezeit dauert unterschiedlich lange, je nachdem, welche Zeiten angerechnet werden.

Welche wesentlichen Aufgaben werden neben den rechtlichen Arbeitsfeldern von den Mitarbeitern noch erfüllt?

Die unterschiedlichsten Aufgaben kommen im Auswärtigen Amt, insbesondere auf einem Auslandsposten, auf einen zu. Vielleicht ein paar Beispiele, um das zu illustrieren:
Ich könnte für das Protokoll an der Botschaft Amman zuständig sein; bei der nächsten Reise des Bundeskanzlers in den Nahen Osten gibt es für ihn und seine Delegation viel vorzubereiten und zu organisieren. Als Kulturattachée in Quito organisiere ich eine Ausstellung eines deutschen Bildhauers. Erst muss ich ihm helfen, seine Skulpturen durch den Zoll zu bringen, dann darf ich die Rede bei der Ausstellungseröffnung halten. In Bangkok für Rechts- und Konsularwesen zuständig, habe ich zahlreiche Mitarbeiter, die mit mir zusammen die vielfältigen Probleme deutscher Touristen zufriedenstellend zu lösen versuchen... Diese Reihe ließe sich noch lange fortsetzen.

Welche besonderen Eigenschaften werden neben den juristischen Kenntnissen von Mitarbeitern im diplomatischen Dienst erwartet?

Flexibilität, Offenheit, schnelle Anpassungsfähigkeit, Einsatzbereitschaft, Fingerspitzengefühl, Verständnis für politische Zusammenhänge, Menschenkenntnis, Kooperationsfähigkeit sowie Fähigkeiten in der Personalführung.

Wie ist das Besoldungssystem für Legationssekretäre?

Als Legationssekretär, dem ersten Amt nach der Ausbildung, erhält man A 13-Bezüge. Ist der erste Posten gleich im Ausland, kommen Auslandszuschläge hinzu, sodass sich das Gehalt erheblich erhöhen kann.

Wie sieht es mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei dieser Tätigkeit aus?

Als Diplomat ins Ausland gehenBeim Eintritt in das Auswärtige Amt muss man sich selbstverständlich darüber bewusst sein, dass die häufige Versetzung einschneidende Auswirkungen auf das Privatleben hat. Ein kontinuierlicher Freundeskreis ist schwierig aufrechtzuerhalten. Partnerin oder Partner müssten den Ortswechsel ebenfalls in Kauf nehmen und damit das eigene berufliche Fortkommen hintan stellen. Sind sogar Kinder da, müssten sich diese permanent neu orientieren. Die gute Nachricht dagegen: Das Amt ist durchaus ein familienfreundlicher Arbeitgeber. Für Frauen fallen manche Sorgen, die sie in anderen Jobs vielleicht im Hinblick auf die Familienplanung haben, weg. Ist das Kind im schulpflichtigen Alter, so kann man sicher sein, dass man nicht gegen seinen Willen an einen Ort ohne deutsche oder internationale Schule versetzt wird. Auch auf gesundheitliche Belange wird geachtet. Ist der Partner auch im Auswärtigen Amt beschäftigt, so wird man nur gemeinsam versetzt. Insgesamt kann ich zu dem Beruf nur anraten, aber man muss sich selbst wirklich ernsthaft prüfen. Testfrage: Möchte ich gerne nach New York, Rio, Tokio - oder würde ich auch nach Khartum, Taschkent oder Nowosibirsk gehen?

Frau Wolter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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