Interview mit Wolfgang Grupp

“Die Verantwortung für meine Mitarbeiter steht an erster Stelle”

Welche Aufgabe haben Unternehmer heute? Welche Werte zählen bei Trigema? Diese und andere Fragen stellte Robert Piterek vom karriereführer Wolfgang Grupp. Der Trigema-Geschäftsführer wirbt damit, ausschließlich in Deutschland zu produzieren.

Für welche Werte steht Ihr Unternehmen?
Selbstverständlich ist es unser Ziel, erfolgreich zu sein, aber dabei muss Menschlichkeit garantiert werden. Es kann nicht sein, dass man über Leichen geht. Es muss so sein, dass ich auch am Wochenende einem Mitarbeiter über den Weg laufe und wir uns freundlich grüßen, statt dass er mit der Faust in der Tasche an mir vorbeiläuft. In einem Unternehmen darf es nicht nur auf materielle Werte ankommen. Mitarbeiter sollen nicht nur an der Leistung gemessen werden. Ein älterer Arbeitnehmer beispielsweise, der nicht mehr die Leistung bringt, ist für mich trotzdem eine wichtige Person, weil er früher viel für das Unternehmen getan hat.

Empfinden Sie Ihren Mitarbeitern gegenüber Verantwortung?
Die Verantwortung für meine Mitarbeiter steht bei mir an erster Stelle. Es ist wichtig, dass sie wissen, dass ich Verantwortung für sie und ihren Arbeitsplatz übernehme. Dann sind sie auch bereit die Leistung zu bringen. Wenn sie aber das Gefühl haben, dass sie heute gebraucht werden und morgen entlassen werden, werden sie die Leistung nicht mehr bringen. Wenn sie die Olympiamedaille im Springreiten gewinnen wollen, dann werden sie ihr Pferd bestimmt auch bestens pflegen.

Welche Werte schätzen Sie bei Ihren Mitarbeitern?
Ich schätze generell bei meinen Mitarbeitern, dass sie akzeptieren, dass wir zusammen in einem Boot sitzen. Jeder hier ist auf den anderen angewiesen. Wir brauchen uns gegenseitig, dürfen aber nicht nur die Stärken der anderen schätzen, sondern müssen auch auf die Schwächen Rücksicht nehmen.

Welche Schwächen meinen Sie?
Die Schwächen können im Umfeld liegen. Beispielsweise, wenn ein Mitarbeiter Probleme mit dem Partner hat. Oder wenn eine Mitarbeiterin Mutter von fünf Kindern ist. Wenn die Leistung eines Mitarbeiters nachlässt, muss man sein Umfeld berücksichtigen. Es kann einem ja selbst einmal so gehen, dass man wegen eines Problems nicht 100 Prozent Leistung bringen kann.

Welche Werte vermissen Sie in der heutigen Geschäftswelt?
Der Umgang wird immer unpersönlicher. Mitarbeiter werden zu Nummern. Man kennt sich kaum noch. Es geht nur noch um Egoismus. Es geht denen, die sich oben hoher Gehälter bedienen immer besser, unten wird es, wie sich an der Ausbeutung des Sozialstaats zeigt, nachgemacht. Wenn die Oberen für Fehlleistungen mit Millionen abgefunden werden, dann darf man sich nicht wundern, wenn der Mitarbeiter unten sagt: „Rette noch, solange es was zu retten gibt.“ Dann arbeitet er schwarz nebenher und nutzt damit den Sozialstaat aus. Wir halten heute nicht mehr zusammen, sondern lassen uns vom Egoismus leiten.

Welche Aufgabe haben Unternehmer heute?
Die Aufgabe des Unternehmers in einem Hochlohnland wie Deutschland ist es, die Mitarbeiter so einzusetzen, dass sie ihrer Ausbildung und ihrem Können entsprechend arbeiten. Hier muss aber auch die Gesellschaft in die Pflicht genommen werden: Wenn immer mehr ausgebildet wird und immer mehr Leute studieren, müssen wir auch dafür sorgen, dass es Arbeit für diese Menschen gibt. Wir dürfen die Leute aber auch nicht überfordern, indem wir sagen, dass wir die einfachen, handwerklich begabten Leute nicht mehr brauchen. Das führt automatisch zu höherer Arbeitslosigkeit.

Ihr Textil- und Bekleidungsunternehmen produziert ausschließlich in Deutschland. Ihre Konkurrenz hat einen Teil der Produktion ins Ausland verlagert, wo die Personalkosten niedriger sind. Wie schaffen sie es, weiter rentabel zu produzieren?
Nehmen wir einmal die deutschen Textilunternehmer Schießer, Jockey und Steilmann. Ich kenne viele dieser Unternehmer. Sie waren gestandene Millionäre, als sie 100 Prozent in Deutschland produzierten. Ich kenne keinen der reicher geworden ist, seit er von den billigen Arbeitsplätzen im Ausland profitiert. Ich kenne aber viele, die ärmer geworden oder von der Bildfläche verschwunden sind. Hier stimmt etwas nicht. Ich muss wissen, dass eine Arbeitskraft in Deutschland teurer ist, weil sie mehr kann. Wenn ich eine einfache Sekretärin einstelle, ist sie sicher billiger als eine, die fünf Sprachen spricht. Auf meinen Betrieb übertragen ist das dann eine Näherin, die fünf Arbeitsgänge beherrscht. Um rentabel zu produzieren, darf ich keine Massenaufträge annehmen.

Der weltweite Preiskampf macht Ihnen also nichts aus?
Natürlich macht mir das etwas aus. Ich kämpfe mit jedem, wenn wir mit gleichen Bandagen kämpfen. Andere Unternehmen erhalten aber Subventionen, machen drei Mal Pleite, entledigen sich dadurch ihrer selbstverschuldeten Kosten und müssen damit auch ihren Pensionsverpflichtungen gegenüber den Mitarbeitern nicht mehr nachkommen. Das ist kein regulärer Wettbewerb mehr, das ist subventionierter Wettbewerb. Damit wird unsere Wirtschaft über kurz oder lang ausgelöscht.

Sie haben ja auch gesagt, dass die Leistung eines Unternehmers sich nicht in Umsatz und Größe zeigt, sondern in der problemlosen Erhaltung der Arbeitsplätze. Das klingt wie eine Absage an die Renditementalität.
Natürlich, ich kann mich mit Hilfe der Banken verdoppeln und verdreifachen. Wenn ein Unternehmer sagt, er habe 380 Millionen Euro Umsatz und man erfährt, dass er weit über 200 Millionen Kredit hat, dann ist das für mich indiskutabel. Es geht doch darum, was dieses Unternehmen wirklich geleistet hat. Wenn einer sagt, er hätte den Umsatz verdoppelt, muss gefragt werden, wie viel Schulden und wie viele Arbeitsplätze er hat. Und wenn er sagt: Ich habe 1.000 Arbeitskräfte gehabt und jetzt 2.000 und die Schuldenlast von 100 Millionen Euro Schulden nicht vergrößert, dann ziehe ich den Hut. Wenn er aber sagt, dass er den Umsatz verdoppelt und die Schulden verdreifacht hat, dann sage ich: So nicht!

Zählt Umsatz und Gewinn nicht für Sie?
Für mich zählt das natürlich zu 100 Prozent, denn ich lebe ja auch nur vom Erfolg. Um erfolgreich produzieren zu können, müssen meine Mitarbeiter aber die Leistung bringen. Und sie bringen die Leistung eher, wenn ich sage, dass ich zu Ihnen stehe und Ihnen den Arbeitsplatz garantiere.

Manager bekommen große Abfindungen, haften aber nicht für Ihre Fehler. Was kann man dagegen machen?
Es geht nicht an, dass jemand für eine Fehlleistung Millionen bekommt. Deshalb müssen Manager mit hohen Bezügen für Ihre Entscheidungen haften. Hohe Gehälter sollte es nur geben, wenn die entsprechende Leistung erbracht wird. Dann kann ich auch von einem Arbeitslosen erwarten, dass er mit zwei Dritteln des Geldes auskommt, wenn er den Arbeitsplatz selbstverschuldet verloren hat.

Würden Sie für Ihre Fehler haften?
Ich tue es ja. Ich bekomme keine Subventionen oder Steuergeschenke. Wenn ich eine Fehlentscheidung treffe, muss ich sie selbst bezahlen.

Was muss sich denn in Deutschland ändern, damit die Wirtschaft wieder wächst?
Die Verantwortung muss zurück von oben nach unten gehen. Leistung muss wieder honoriert werden, Nicht-Leistung darf nicht honoriert werden. Wenn man oben ein Beispiel setzt, wird man es unten nachmachen.

In der Krise bangen die Menschen um Ihre Arbeitsplätze. Der psychologische Druck nimmt zu. Was raten Sie Berufseinsteigern mit Hochschulabschluss in diesen Zeiten für den Berufseinstieg?
Wir ziehen unsere Leute ja selber auf und stellen wenige Leute von Außerhalb ein. Eins kann ich aber sagen. Wenn ich mich heute bewerben würde, würde ich sagen: Sie können mich einsetzen wo sie mich brauchen. Testen Sie, ob ich ihnen etwas bringe. Wenn ich ihnen nichts bringe, bin ich auch bereit den Arbeitsplatz wieder zu verlassen. Vor einem Hochschulabsolventen der so auftritt, würde ich den Hut ziehen.

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