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Arbeitswelt

05.07.2004

Outsourcing und Offshoring - Raus aus dem Haus

von Anne Thesing

Wenn deutsche Finanzinstitute Prozesse auslagern, verschieben sich auch die Arbeitsplätze - innerhalb Deutschlands oder in ein anderes Land. Viele Mitarbeiter sehen ihre Jobs gefährdet. Mit Recht?

Frankfurts Bankenviertel im Jahr 2010. Das Bürogebäude steht so gut wie leer. Früher waren in diesem Finanzinstitut viele Mitarbeiter beschäftigt, die Telefone standen nicht still, die Kunden gingen ein und aus. Heute ist es sehr ruhig. Sämtliche Prozesse sind ausgelagert worden. In einem einzigen Rechner läuft alles, was extern bearbeitet wurde, wieder zusammen. Ein realistisches Zukunftsszenario?

Go East

Outsourcing und Offshoring - diese Begriffe werden in der Öffentlichkeit meist mit Schlagworten wie "Arbeitsplatzverlust", "Billiglohnländer" und "Rationalisierungsmaßnahmen" assoziiert. In der Tat: Immer mehr Prozesse werden aus Kostengründen ausgelagert - auch in der Finanzdienstleistungsbranche. Aber was steckt genau dahinter?

"Der Begriff Outsourcing bezeichnet die Auslagerung von Arbeitsprozessen in ein anderes Unternehmen. Durch Offshoring werden insbesondere personalintensive Prozesse an ausländische Standorte mit niedrigeren Lohnkosten ausgelagert. Entweder an externe Dienstleister oder an eigene Tochterunternehmen", erklärt Gero Freudenstein von A.T. Kearney die Begriffe.

Jobs werden also entweder innerhalb Deutschlands oder ins Ausland verschoben. Ein bei den Deutschen sehr beliebtes Offshoring-Ziel sind die neuen EU-Beitrittsstaaten: Wegen ihres niedrigen Lohnniveaus lassen sich hier Kosten einsparen, und die Umsetzung ist leichter als in außereuropäischen Ländern.

Positiv oder negativ?

"Arbeitsplätze werden dabei nicht vernichtet, sondern nur verlagert", beschreibt Gero Freudenstein die Folgen. In der A.T. Kearney Studie "Offshoring Financial Services" weist er vor allem auf die langfristigen Vorteile hin: Unternehmen, die durch Offshoring und Outsourcing Kosten sparen, können ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern. "Wer sich diesem Thema verschließt, läuft Gefahr, im internationalen Vergleich Wettbewerbs-Nachteile zu erleiden", warnt er.

Langfristig geht es also darum, den Standort Deutschland zu stärken und Arbeitsplätze zu sichern - oder sogar neue zu schaffen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des Fraunhofer Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung. Demnach, so die ZEIT vom 7.4.2004, "schaffen gerade Unternehmen, die Produktionsteile ins Ausland verlagert haben, überdurchschnittlich viele neue Arbeitsplätze daheim. Sie können sich das leisten, gerade wegen der Kostenersparnis im Ausland." Die aktuellen Ängste um Arbeitsplatzverluste sind dagegen kurzfristiger Natur.

Nicht alles geht

Klar ist: Das Szenario des leer stehenden Bankgebäudes ist unrealistisch, da längst nicht alle Prozesse ausgelagert werden können und sollten. Ins Ausland exportiert werden - wegen der niedrigeren Lohnkosten - vor allem personalintensive Arbeitsschritte. Im Unternehmen bleiben dagegen zum Beispiel Prozesse mit direktem Kundenkontakt.

Besonders für Outsourcing und Offshoring geeignet sind Transaktionsabwicklungen von Zahlungsverkehr und Karten, aber auch Finanz- und Rechnungswesenprozesse. Auch beim Kreditgeschäft beginnt sich Outsourcing durchzusetzen. Mittlerweile gibt es schon so genannte "Kreditfabriken", die den Banken ihre Dienstleistungen anbieten.

Klassisches Outsourcing- und Offshoring-Beispiel sind IT-Prozesse: Sie sind ortunabhängig, werden im Wesentlichen ohne Kundenkontakt abgewickelt, kommuniziert wird zum großen Teil auf Englisch. Besser können die Voraussetzungen gar nicht sein. "Aber auch Call Center werden ausgelagert", so Freudenstein. "Hier haben Sie zwar eine direkte Schnittstelle zum Kunden, der merkt aber nicht unbedingt, wo das Call Center sitzt."

Im nahen Ausland

Voraussetzung für eine Verlagerung ins Ausland ist, dass es keine sprachlichen Barrieren gibt. Für Deutschland sind auch aus diesem Grund die osteuropäischen Länder ein beliebter Standort, denn der Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung ist dort relativ hoch.

Weitere Vorteile der EU-Staaten: Die regulatorischen Anforderungen sind einfacher zu erfüllen als in anderen Ländern, kulturell und geografisch liegen sie uns näher als zum Beispiel Indien, der Offshoring-Favorit der USA. "Es ist deutlich einfacher, für persönliche Abstimmungen mit dem Dienstleister mal nach Prag zu fahren als nach Bombay zu fliegen", so Freudenstein.

Neue Berufsfelder

Persönliche Abstimmungen mit dem Dienstleister im Ausland - Mitarbeiter, die mit Offshoring konfrontiert werden, müssen sich also auf neue Anforderungen und Aufgaben einstellen. "Sie brauchen künftig mehr interkulturelle Qualifikationen, und aufgrund der Schnittstellen zu den Dienstleistern konzentriert sich ihre Arbeit verstärkt auf das Management von Netzwerken. Es entstehen also neue Perspektiven", beschreibt Freudenstein die Veränderungen.

Zu einer Qualifikations-Verschiebung kommt es auch beim Outsourcing innerhalb Deutschlands. Prozesse, die vorher von einer internen Bankabteilung erledigt wurden, werden an einen externen Dienstleister vergeben. "Und zwar an einen selbstständigen Service-Provider, der sich am Markt behaupten muss", erklärt Freudenstein. "Für die Angestellten dieses Dienstleisters gelten andere Anforderungen als für die Angestellten einer Bankabteilung: Marketing, Produktentwicklung und Kundenbetreuung erhalten einen sehr viel höheren Stellenwert. Der Gestaltungsspielraum für Mitarbeiter wird dadurch häufig größer."

Gero Freudenstein ist von den langfristig positiven Folgen der Auslagerung überzeugt. Verlassene Bankgebäude, in denen alle Prozesse elektronisch gesteuert werden, sieht er weder in naher noch in ferner Zukunft. Kurzfristig erfordern die Veränderungen im Bankgewerbe allerdings die Bereitschaft der Mitarbeiter, sich den neuen Anforderungen zu stellen.



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