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Arbeitswelt

14.01.2005

Stück für Stück zum Glück

von Anne Thesing

Ist es überhaupt möglich, das eigene Glück zu planen? Sind nicht immer die anderen schuld, dass es wieder einmal schief läuft? Liegt es nicht am Wetter, an den Nachbarn, am Chef oder an der Tageszeit? – Nein, meint Stefan F. Gross. Im Gespräch mit dem karriereführer nennt der Autor des Buches „Life Excellence“ Strategien für das Lebensglück.

"Life Excellence - Die Kunst, ein souveränes, erfolgreiches und glückliches Leben zu führen" - So lautet der Titel Ihres neuesten Buches. Hat also jeder sein Glück selbst in der Hand?

Sicher gibt es Schicksalsschläge, die Menschen in unglückliche Lebensphasen bringen. Und sicher haben es die einen leichter als die anderen. Aber zum großen Teil haben wir unser Glück tatsächlich selbst in der Hand. Wem es gelingt, Lebenserfolg zu erlangen, der wird auch glücklich sein.

Was verstehen Sie unter "Lebenserfolg"?

Zum Lebenserfolg zählt erstens das Erreichen von Lebenszielen - und damit meine ich nicht, jedenfalls nicht nur, materiellen Wohlstand und berufliche Positionen, sondern vor allem die Leistungen, die man erbringen will, und die Art und Weise, wie man sein Leben gestalten möchte.
Zweitens sollte man die eigenen Begabungen ausschöpfen, sich also schon früh Gedanken darüber machen, was man kann und wohin man will.
Dritter großer Faktor ist die Übernahme der persönlichen Verantwortung gegenüber den Mitmenschen. Ein Manager zum Beispiel, der beruflich außerordentlich erfolgreich ist, dafür aber seine Familie sehr vernachlässigt, hat aus meiner Sicht nicht den vollständigen Lebenserfolg.
Und viertens spielt schließlich die Erhaltung der Lebensfreude im Alltag eine große Rolle.
Es geht nicht darum, dass man all das zu Hundert Prozent erreicht, aber im Zusammenspiel machen diese Dinge für mich Lebenserfolg aus und führen zum Lebensglück.

Was steht unserem Lebenserfolg im Wege?

Zum einen sind die beruflichen Herausforderungen in der heutigen Zeit enorm groß geworden. Bei fast allen Produkten und Dienstleistungen gibt es weltweit eine Überproduktion. Das führt dazu, dass der Arbeitsaufwand jedes Einzelnen sehr groß ist. Außerdem sind die Stellen nicht mehr so leicht zu haben, weil die Firmen versuchen, mit einem Minimum an Personen maximale Ergebnisse zu erzielen.

Früher war das Glück, zumindest das berufliche, also leichter fassbar?

Nein, so kann man das nicht sagen. Schließlich hat sich die Berufswelt auch positiv verändert. So sind zum Beispiel die Chancen für einen Wechsel viel größer geworden. Früher haben sich Berufseinsteiger auf bestimmte Gleise gesetzt, auf denen sie dann in ihrem gesamten Berufsleben unterwegs waren. Heute ist eine persönliche Veränderung völlig normal geworden. Und das sehe ich als große Chance.

Viel gewonnen hat ja sicher schon, wer zu Beginn seines Berufslebens die richtige Jobentscheidung fällt.

Ja, das ist wie bei einem Hemd: Wenn man den obersten Knopf falsch einknöpft, kann man mit den anderen machen, was man will, man kriegt sie nicht wieder in die richtige Reihe.

Welche Gedanken sollten sich Hochschulabsolventen denn machen, bevor Sie sich für einen Job entscheiden?

Sie sollten sich darüber klar werden, was sie möchten und können und was sie auf gar keinen Fall wollen. Dabei können Sie durchaus ihren Gefühlen trauen. Wer sich beispielsweise in einem Unternehmen schon in der Probezeit sehr unwohl fühlt und merkt, dass er nicht zu den Menschen passt, sollte besser die Schlussfolgerungen daraus ziehen.

"Den eigenen Gefühlen trauen", das klingt gut. Ähnlich wie Ihre Aussage "Man sollte ‚Nein' sagen können, um die eigene Freiheit zu erhalten." Aber sind das nicht für Hochschulabsolventen in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Luxusgedanken? Können sie es sich überhaupt leisten, "nein" zu sagen?

Das ist ja das große Dilemma. Auf der einen Seite sind das Luxusgedanken. Auf der anderen Seite: Wer sich diese Gedanken nicht macht, kann in schwierige Situationen kommen. Sie sollten diese Gedanken deshalb immer im Hinterkopf haben.

Um dann wie damit umzugehen?

Ich würde mir überlegen, wo meine persönliche Grenze liegt; was ich einerseits mit mir machen lassen möchte und was ich andererseits erreichen will. Natürlich muss man im Leben Kompromisse eingehen. Wenn man aber jeden Abend mit einem schlechten Gefühl aus dem Unternehmen geht und die Verzweiflung wächst, dann muss man - und das meine ich mit Freiheit - versuchen, zu wechseln.

Welche Rolle spielt denn das Privatleben für den Lebenserfolg?

Eine große. Es muss daher als ein eigenständiges Aufgabenfeld behandelt werden. Viele sind nur stolz auf ihre beruflichen Leistungen, nehmen aber überhaupt nicht wahr, was ihnen möglicherweise im Privaten gelungen ist - eine glückliche Beziehung, gute Freunde, Kinder, … Die Zeit, die man für das Private hat, sollte man nicht verschwenden. Denn nur wenn auch das Privatleben funktioniert, ist langfristig eine befriedigende Karriere möglich. Unter einem unglücklichen Privatleben leidet auch die berufliche Leistungsfähigkeit.

Wie kann ich ganz konkret, Tag für Tag, an meinem Glück arbeiten?

Indem Sie sich als erstes sagen, dass dieser Tag unwiederbringlich ist. Man kann vielleicht eine bestimmte Aufgabe auf einen anderen Tag verschieben, aber den Tag selbst können Sie nicht verschieben. Daher sollte man alles dafür tun, um sich an diesem Tag die positive Grundstimmung zu erhalten. Man darf beispielsweise nicht zulassen, dass ein negatives Ereignis am Morgen den gesamten Tag verdirbt. Stattdessen sollte man sich klarmachen, dass Ärger und Probleme Teil eines jeden Tages sind. So fühlt man sich nicht mehr als Opfer, sondern steht über den Dingen.

Aber jeder hat mal einen schlechten Tag. Kann man wirklich bewusst seine Stimmung steuern?

Nicht in jeder Situation. Es gibt Situationen, die wirken wie ein Faustschlag in die Magengrube.
Aber ich würde zum Beispiel nie einen Morgen beginnen mit dem Gedanken: "Heute ist nicht mein Tag." Stattdessen würde ich mir Techniken überlegen, um die negative Stimmung zu überwinden. Zum Beispiel, indem ich auch die kleinsten Freuden des Alltags genieße. Das kann die Kaffeepause mit einem netten Kollegen sein oder die Abendsonne auf dem Rückweg nach Hause. Nehmen Sie das Positive wahr und lassen Sie es auf sich wirken.

Und wenn man dann abends feststellt, dass doch alles schief gelaufen ist?

Dann erstellen Sie eine "Ärgerliste", in der Sie aufschreiben können, welchen Ärger Sie am Tag gehabt haben und warum er entstanden ist. So bringen Sie das Problem von der emotionalen auf die rationale Ebene und erkennen die Ursachen - zum Beispiel ein Kommunikationsproblem. In dem Moment, in dem Sie wissen, wie Sie die Ursache des Ärgers für die Zukunft lösen können, ist eine ganz andere Stimmung da und Sie werden souveräner.

Und das ist entscheidend?

Ja, denn durch einen souveränen und gekonnten Umgang mit dem eigenen Leben erlangen wir die "Life Excellence". Gerade gestern habe ich ein Interview mit dem Regisseur Helmut Dietl gehört. Der sagte zu dem Thema: "Wenn man das Leben mit humorvoller Selbstironie sieht, dann kann man es gut leben." Genau so ist es, der Mann hat Recht.

Nachlesen:

Stefan. F. Gross, Life Excellence. Die Kunst, ein souveränes, erfolgreiches und glückliches Leben zu führen, Hanser Verlag, München 2004, 460 Seiten, € 19,90, ISBN 3-446-22651-6
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