24.05.2004
Von Gaben und Grenzenvon karriereführer |
Q: Herr Schmidt, denken Sie, dass es Behinderte schwerer haben als "normale" Arbeitnehmer, eine klassische berufliche Karriere zu machen?
A: Bei Mitarbeitenden, die eine körperliche Einschränkung haben, geschieht oft Folgendes: Statt die Fähigkeiten in den Blick zu nehmen, machen sich Personaler vor allem über die Behinderung Gedanken. Welche Probleme handeln wir uns ein? Können wir mit diesem Mitarbeiter so umgehen wie mit jedem anderen oder stehen wir in der Gefahr, zu diskriminieren. Da gibt es wüste Phantasien und Ängste, die mit der Lebensrealität wenig zu tun haben.
Q: Was verstehen Sie unter dem Schlagwort "Diversity"?
A: Diversity bedeutet für mich, dass ich mein Gegenüber nicht einer Gruppe zuweise - zum Beispiel "Behinderte", "Ausländer", "Homosexuelle" oder "Frauen" - , sondern ihn als einmaliges Gegenüber wahrnehme. Jede Kategorie legt einen Menschen fest, reduziert ihn. Ob ein Mitarbeiter / eine Mitarbeiterin geeignet ist, hängt weder von der Nationalität, noch vom Geschlecht, schon gar nicht von der sexuellen Orientierung ab. Es mag ja sein, dass viele schwule Männer einen Sinn für Ästhetik haben. Aber das sagt über den einen schwulen Mann, der sich bei mir als Designer bewirbt, noch gar nichts aus. Diversity heißt, ich nehme den Einzelnen mit seinen Gaben und Grenzen wahr und ernst.
Q: Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung in Unternehmen, die Vielfalt der Belegschaft und Individualität des einzelnen Mitarbeiters stärker zu berücksichtigen?
A: Klasse. Es ist ein menschliches Bedürfnis, ernst genommen zu werden. Wir wollen kein Produktionsfaktor sein, sondern eine Person. Wo immer ein Klima herrscht, dass Individualität zulässt, werden Menschen sich wohl fühlen und gerne arbeiten.
Q: Was können Unternehmen tun, um die so genannten Randgruppen stärker in das Gesamtgefüge zu integrieren?
A: Zuallererst sollten sie die Zugehörigkeit zur Randgruppe nicht immer betonen. Wer Maschinenbauer ist, der will als solcher arbeiten und nicht als Ausländer. Allerdings bringen Menschen, die oft zu einer Randgruppe gezählt werden, besondere Erfahrungen mit. Frauen etwa lernen hoffentlich frühzeitig, sich nicht alles gefallen zu lassen. Mitunter besitzen sie große Verhandlungsqualitäten. Integration heißt ja wörtlich "vollständig" sein. Wenn eine Gruppe von Männern im Alter zwischen 25 und 40 ein Auto konstruiert, werden sicherlich viele Bedürfnisse außer Acht gelassen. Das ist der Gruppe auch gar nicht vorzuwerfen, aber ein paar Frauen (die mit einem Auto evtl. andere Erfahrungen machen) würden das Auto besser konstruieren.
Q: Wie sehen Ihre Seminare aus, mit denen Sie Personaler und Führungskräfte im Umgang mit Behinderten sensibilisieren wollen?
A: Mein wichtigsten Lernziele sind: 1. Die Personalführungskräfte sollen erleben, in welcher Rolle sich Menschen mit Behinderung fühlen. Dadurch und im Umgang mit einem behinderten Seminarleiter lernen sie. 2. Behinderung ist normal. Schließlich erhalten sie Verhaltenssicherheit im Umgang mit besonders begrenzten und begabten Menschen (='Behinderte'), die zur einer entspannten und produktiven Arbeitsatmosphäre führt.
Q: Wie ist die Resonanz auf Ihr Angebot?
A: Die Resonanz ist besser, als ich erwartet habe. Sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft gibt es Bedarf, das Thema anzupacken. Aber ich habe noch Platz für Anfragen.
Q: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Fortbildungen anzubieten?
A: Ein Personalmanager von EnBW sprach mich nach einem Vortrag zum Thema "Was heißt hier eigentlich behindert" an. Er bat mich, seine Personalführungskräfte zu schulen. Da ich schon verschiedene Seminare mit den unterschiedlichsten Menschen gemacht hatte, fand ich das eine spannende Idee. Und los ging's.
Q: Welche Tipps haben Sie für Hochschulabsolventen mit Handicap, die auf Jobsuche sind?
A: Sie sollten sich überlegen, warum sie für das Unternehmen wertvoll sind. Und zwar nicht nur aufgrund fachlicher Qualifikation. Werte wie Kreativität, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit sind heute sehr gefragt. Ich habe nicht zuletzt wegen meiner Behinderung gute kommunikative Fähigkeiten erworben, sonst wäre ich in meiner Jugendzeit von keinem Mädchen beachtet worden. Und sie sollten wissen, welche Einschränkung sie durch das Handicap haben und wie sie es kompensieren können. Was nicht zu kompensieren ist, braucht vielleicht eine Ausnahmeregel. Alles in allem offen damit umgehen.
Q: Sie planen, ein Buch zu veröffentlichen. Verraten Sie uns, worum es geht?
A: Im Oktober 2004 wird mein Buch "Lieber Arm ab als arm dran" erscheinen. Es geht darum, ein anderes Menschenbild zu zeichnen, als es gemeinhin geschieht. Behinderungen werden als eine von vielen möglichen Grenzen verstanden. Ich beschreibe, wie sich Menschen zu ihren Rollen verhalten. Schließlich entwickle ich eine Vision, wie Behinderungen und Begrenzungen ihren Schrecken verlieren können.
Q: 2004 ist ein olympisches Jahr. Sie gehen auch dieses Mal wieder für Deutschland bei den Paralympics an den Start. Was sind Ihre Ziele für Athen?
A: Mit dem Team will ich ins Finale. Im Einzel würde ich gerne auf's Treppchen steigen. Leider haben aber auch noch sechs bis acht andere Spieler das Zeug dazu. Andererseits, was wäre ein Turnier ohne Konkurrenz. Langweilig!
Q: Ihr Motto?
A: "Lieber Arm ab als arm dran"
Weitere Informationen:
Ab Oktober im Handel: 'Lieber Arm ab als arm dran. Was heißt hier eigentlich behindert?' Von Rainer Schmidt, der vorher bei den Paralympics in Athen für Deutschland auf Medaillenjagd gehen wird.
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- Rainer Schmidt im Aktuellen Sportstudio / ZDF bei Johannes B. Kerner 