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Arbeitswelt

27.01.2005

Cyber-Mythen

von Ina Hönicke

Nirgendwo kommt man leichter an Informationen als im Internet. Nirgendwo kann man aber auch leichter getäuscht werden. Mythen, Verschwörungstheorien und Legenden wabern reichlich durchs Netz. Die Folge: Die Glaubwürdigkeit einer Information muss jeder Leser selber einschätzen - und nicht alles für bare Münze nehmen.

Cyber-MythenLediglich Spuren von Fingernägeln, ein paar Zahnsplitter sowie Überreste eines Lenkrades hat die Autobahnpolizei vom tollkühnen Mann in seiner fliegenden Kiste aus dem Gestein gekratzt. Vom Fahrer selbst fehlte jede Spur.
Was war passiert? Irgendwo in der Wüste Arizonas hatte der Autonarr eine Feststoffrakete gezündet, die er an seinem Chrevrolet Impala befestigt hatte. Sein Ziel war es, den Geschwindigkeitsrekord für Serienwagen zu übertreffen. Das gelang - doch um welchen Preis.

Bei "gut 300 Meilen", so zitierte eine Hamburger Tageszeitung, habe der Impala-Fahrer die Bodenhaftung verloren. Sein Oldie "flog 2200 Meter durch die Luft und schlug in einer Höhe von 40 Metern" gegen eine Felswand. Soweit die Berichterstattung - doch die Geschichte von der Rekordfahrt ist eine Mär, die in Windeseile über das Internet verbreitet und von den Medien gierig aufgenommen wurde.

Trau keiner Netzmeldung
Ohne eigene Recherche, das lehrt die peinliche Erfahrung besagten Blattes, ist dem Netz auf keinen Fall zu trauen. Als besonders spektakuläre Netzstory ist auch der "Darwin-Preis", für den der angebliche Todesfahrer aus Arizona laut Internet als Kandidat galt, bekannt geworden. Dieser Preis wird dem Unglücklichen alljährlich postum verliehen, der auf die dümmste Art ums Leben kam. Einer der "Preisträger" war laut Netzmythos ein Amerikaner, der so heftig an einem Getränkeautomaten rüttelte, dass dieser umkippte und den Durstigen unter sich begrub.

Online-Gerüchteküche
Seit Millionen von Surfern weltweit verknüpft sind, wabern Legenden, Lügen und Verschwörungsgeschichten durch die Cyberwelt. "Netzmythen" nennen amerikanische Medienforscher solche Phantasiegeschichten. Hier kann jeder unzensiert seine Meinung sagen oder gar Reporter spielen, ohne den Wahrheitsgehalt der Geschichte belegen zu müssen. Die zweifelhaften Online-Schreiber müssen nicht einmal um ihren guten Ruf bangen - bei Beschwerden verschwinden sie einfach in den Weiten des Cyberspace.

Dass das Datennetz auch eine üble Gerüchteküche sein kann, zeigte sich nach den Terroranschlägen am 11. September. Damals überschlugen sich Vermutungen, Halbwahrheiten und Falschmeldungen so genannter Experten. Um nur zwei zu nennen: Nostradamus solle den Anschlag auf das World Trade Center vorhergesagt haben. Und die Flugnummer der ersten Maschine soll in der Word-Schriftart "Wingdings" gar eine Kette höchst verdächtiger Symbole ergeben, darunter einen Totenkopf und einen Davidstern. Später stellte sich indes heraus, dass die Flugnummer falsch war.

Rechtloser Raum
Dennoch haben Fälschungen, auch Hoaxes genannt, das Internet verstärkt ins Gerede gebracht. Immer mehr Computer-Experten werfen die Frage auf, ob ein technologisch fortschrittliches Medium, das nicht auf Glaubwürdigkeit überprüft wird, nicht gar für die Menschheit ein Rückschritt ist. "Es fehlt das Gefühl für Recht und Verantwortung im virtuellen Raum", erklärt beispielsweise der amerikanische Computer-Kritiker und langjährige MIT-Dozent Joseph Weizenbaum. Seiner Meinung nach ist den meisten Menschen überhaupt nicht klar, welche Auswirkungen von ihnen ins Netz gesetzte Informationen, Meinungen oder auch Gerüchte durch die weltweite Verbreitung haben können.

Neue Identität
Die Großmutter aller Hoaxes ist, so Weizenbaum, allerdings nicht im Internet, sondern viel früher im Radio gelaufen. Vor mehr als 50 Jahren hatte Orson Welles in dem Hörspiel "Krieg der Welten" den Angriff von Marsmenschen auf Manhatten geschildert und viele New Yorker damit in größte Panik versetzt. Neben der rasanten Informationsverbreitung sieht der amerikanische Wissenschaftler indes die größte Gefahr darin, dass die Menschen im Netz beliebig ihre Identität wechseln können: "Internet-User, die das zu häufig tun, geraten in Gefahr, auch im wirklichen Leben ihre Identität zu verlieren."

Das sieht die amerikanische Psychologin und Buchautorin Sherry Turkle ganz anders: "Internet-Surfer, die neue Identitäten in virtuellen Landschaften ausprobieren, wollen Aspekte von sich kennen lernen, die sie im so genannten wirklichen Leben nicht artikulieren können." Das Leben im Netz könne die Menschen dazu bringen, über die vielen unterschiedlichen Rollen nachzudenken, die sie im alltäglich Leben spielen.

In der Tat - im Netz kann sich selbst der schüchternste junge Mann in einen tollen Hecht verwandeln. Ein Problem bekommt er erst dann, wenn seine Online-Gespielin ihn irgendwann real kennen lernen will. "Diese Art der Kommunikation", so der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler, "ist ideal zum Täuschen und Betrügen."

Geldquellen
Wie man mit geschickt gestreuten Gerüchten und gezielten Falschmeldungen im Internet Millionen verdienen kann, führten jüngst zwei Regie-Assistenten der Online-Gemeinde vor. Um für ihren Film "The Blair-Witch-Project", die Werbetrommel zu rühren, richteten sie bereits ein Jahr vor der Filmpremiere in den US-Kinos im Internet eine Hompepage ein. Dort begannen sie umgehend, die Legende um die mysteriöse "Blair-Hexe" zu spinnen. Sie veröffentlichten gefälschte TV-Nachrichtenbeiträge, Zeitungsartikel, das angebliche Tagebuch der Hauptdarstellerin und selbst gefälschte Vernehmungsvideos. Dass es sich dabei lediglich um frei erfundenen Stoff handelte, wurde an keiner Stelle erwähnt. Der nur 35.000 Dollar teure Low-Budget-Film spielte in den USA mehr als 150 Millionen Dollar ein. So hat das "Blair Witch Project" nicht nur die Traumfabrik Hollywood vorgeführt, sondern auch gezeigt, wie Meinungsbildung über das Internet funktioniert.

Ufo-Meldungen aus dem Weg
Auch für Anhänger von Konspirationstheorien ist das Netz ein beliebter Tummelplatz. Redakteure des britischen "Observer" sahen sich genau um und erklärten: "Das Internet ist verstopft mit Paranoia - von Yeti-Freunden, CIA-Stories bis hin zu Außerirdischen." So halten desillusionierte Weltraumfans die Mondlandung noch immer für eine in Hollywoodstudios hergestellte Fälschung und überzeugte Ufologen warten mit immer neuen, verschwommenen Bildern von Flugobjekten auf.

Kein Wunder, dass ein Netz-Pionier wie der amerikanische Zukunftsforscher Paul Saffo eine Art Clearinghouse fordert, das den Nutzern hilft, Meinung und Gegenmeinung zu finden. Dies sei umso wichtiger, da Web-Gauner auch vor Wirtschaftsnachrichten, Virenwarnungen und Produktbesprechungen nicht Halt machen. Zum einen rät Saffo, Meldungen zweifelhafter Herkunft nicht einfach an Freunde weiterzuleiten, ohne etwa einen der Suchdienste im Web bemüht zu haben. Zum anderen hat er noch einen recht praktikablen Tipp parat: "Im Internet bloß nicht alles für bare Münze nehmen."



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