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Arbeitsmarkt

26.04.2004

Jobmaschine Handel

von Robert Piterek

Neue Informationstechnologien setzen sich kaum wahrnehmbar in allen Bereichen der Handelswelt fest. Ob als smart labels im Kaufhaus, als Bordcomputer am Einkaufswagen oder als Warenwirtschaftssystem im Großhandel. Die Gründe für die zunehmende Verflechtung von IT und Handel sind vielfältig: Smart labels dienen der Diebstahlsicherung und einem zielgenaueren Marketing. Warenwirtschaftssysteme der besseren Koordinierung der Warenbestände. Nebenwirkung: Informatikern bieten sich viele neue Berufschancen und der Verbraucher wird zum gläsernen Kunden.

Der "Supermarkt der Zukunft" im niederrheinischen Rheinberg sorgte im Sommer 2003 für Furore. Mit einem Minicomputer mit Flachbildschirm am Einkaufswagen demonstriert dort die drittgrößte Handelskette Europas, Metro, wie wir in den kommenden Jahren einkaufen werden.

Testfeld Supermarkt
Der fußballfeldgroße Shop verfügt über eine intelligente Waage, schlaue Regale und Infoterminale, die Rezepttipps auf Lager haben, aber auch einen passenden Wein zum Lammgericht empfehlen. Und der kleine Bordcomputer kennt nicht nur den schnellsten Weg durch das Labyrinth der Regalreihen, er weiß beim Gulasch auch genau, von welchem Teil des Rinds es stammt und zeigt es anhand einer virtuellen Kuh auf seinem Computerdisplay an. Am Obststand müssen wir an der Waage künftig nicht mehr umständlich das Produkt aus einer ellenlangen Liste aussuchen und eingeben. Das übernimmt die "intelligente" Waage für uns: Mit einem Kamerasystem, welches die Früchte abtastet, während ein Computerprogramm Farbe, Größe und Wärmebild auswertet. Bingo! 250 Gramm Bananen zum Kilopreis von 1,99 Euro.

Mitarbeiterzahl erhöht
Der Supermarkt in Rheinberg ist ein Testlauf für 40 Firmen, die unter der Federführung von Metro die neuen Informationstechnologien auf die Probe stellen. Es geht den beteiligten Unternehmen aber nicht allein darum, dem Verbraucher den Einkauf zu erleichtern. Den größten Nutzen versprechen sie sich von der lückenlosen Überwachung des Warenflusses durch den Einsatz von Informationstechnologien. Denn dies ermöglicht eine wesentlich wirkungsvollere Warenwirtschaft und dient auch der Verkaufförderung.

Überraschend ist allerdings, dass die Technik in diesem Fall nicht zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führte. Im Gegenteil: Metro musste die Mitarbeiterzahl von 70 auf 120 erhöhen, um die Technik etablieren, erklären und warten zu können.

Big Brother is watching you
Schlüssel für die lückenlose Überwachung des Warenflusses sind die im Preisschild oder der Ware versteckten smart labels, winzigen Computerprozessoren und mikroelektronischen Sensoren. Die "cleveren Etiketten" werden nun auch in der Modeindustrie getestet. Im "Flagship Store" von Prada in New York dienen die smart labels dazu, Sensoren in den Anproberäumen "mitzuteilen", welches Produkt der Käufer ausgewählt hat. Passend dazu werden auf den dort angebrachten Displays dann individuelle Videoclips mit entsprechend bekleideten Modellen und den dazu gehörenden Accessoires abgespielt. Während der Flagship Store ein positives öffentliches Echo, unter anderem im Spiegel, hatte, bekam es Benetton nach der Ankündigung, smart labels in die Artikel der Sisley-Marke zu integrieren, mit der Bürgerrechtsgruppe C.A.S.P.I.A.N (Consumer against Supermarket Privacy Invasion and Numbering) zu tun. Die Bürgerrechtler, die sich für die Abschaffung von Supermarkt-Kundenkarten einsetzen, sehen in der Einführung von smart labels bei Benetton eine, für den Konsumenten unsichtbare, Überwachung. Hintergrund: Die smart labels können mit geeigneten Lesegeräten auch über eine Distanz von mehreren Metern gelesen werden. Ohne das Wissen der Träger verraten die Kleidungsstücke so den Produktcode, den Kaufpreis und das Verkaufsdatum.

Penny setzt auf ZAM
Der Einsatz dieser Informationstechnologie im Einzelhandel stellt die Schnittstelle zwischen Konsument und Computer dar. Durch die permanente Übermittlung von Verkaufsdaten an das Warenwirtschaftssystem das Geschäft dadurch berechenbarer, da die Menge der verkauften und gelagerten Waren jederzeit bekannt sind. Die Handelsgruppe REWE, die unter anderem die Supermärkte Rewe, miniMAL, HL, toom oder Penny sowie die Fachmärkte toom BauMarkt, Promarkt und idea betreibt, setzt seit Sommer 2003 das Warenwirtschaftssystem ZAM (Zentrale Abbildung der Märkte) in einigen Märkten ein. Technologisch gesehen ist ZAM eine Client-Server-Architektur. Ein Teil läuft auf dem Server (Backend-Komponente), der andere Teil auf einer Workstation (Client oder Front-End). Beide Teile werden über Netzwerke zu einem System zusammengefügt. Rewe hat sich allerdings gegen einen Zugriff auf die zentrale Warenwirtschaft über das Internet ausgesprochen. Der Grund liegt auf der Hand: Durch die Internet-Anbindung könnte das System, welches Rewe laut der Lebensmittelzeitung "als Wettbewerbsvorteil" versteht, in andere Hände geraten.

Warenpräsenz im Food-Bereich deutlich gestiegen
ZAM bietet eine Fülle von Vorteilen für den Großhandel. Auf der einen Seite wird die permanente Inventur und damit eine bessere finanzielle Planungssicherheit möglich. Andererseits können Überbestände in Lagern abgebaut und Güterknappheiten früher erkannt werden. Die Einführung des Warenwirtschaftssystems hat bereits erste Erfolge erzielt: Die durchschnittliche Warenpräsenz im Food-Bereich liegt nach Angaben von REWE deutlich höher als vor der Einführung von ZAM, das nicht das erste Rewe-Warenbestandssystem ist. Ebenso seien Überbestände abgebaut und die Kosten je Geschäftsprozess erheblich reduziert worden.

Einsatzgebiet mit Zukunft
Der Einsatz von neuen Informationstechnologien im Handel ist im vollen Gange. Als Vorteile fallen eine verbesserte Servicequalität und die leichtere Verkaufsabwicklung für Verbraucher auf. Gleichzeitig wird der Käufer und das Geschäft für den Handel immer transparenter - das Risiko für Unternehmer demnach kalkulierbarer. Ist in diesem Bereich also langfristig mit einem höheren Bedarf an Informatikern zu rechnen?

Wilfried Malcher, Spezialist für Bildungsfragen beim Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE), ist davon überzeugt. "Wenn sich der Testmarkt in Rheinberg durchsetzt, werden definitiv mehr Informatiker benötigt", ist er sich sicher. Einsatzmöglichkeiten bestehen in den vier E-Business Bereichen "Data Warehouse", "Efficient Consumer Response", "Supply-Chain-Management" und "E-Logistik".

E-Logistik: Bei der E-Logistik geht es um die elektronische Planung und Kontrolle des Logistik-Prozesses durch die permanente Übermittlung von Daten aus den Supermarkt-Filialen und Warenhäusern. Die auf der Basis dieser Informationen ermittelten Liefertermine und die Rechnungsstellung der gehandelten Waren müssen mit Hilfe von Informatikfachleuten koordiniert werden.

Supply-Chain-Management: Eng damit verbunden ist das Supply-Chain-Management. Hier wird der Warenfluss elektronisch und effizient gesteuert. Die Verantwortlichen im Supermarkt, im Lager und am Produktionsstandort haben über eine gemeinsame E-Business-Plattform Zugriff auf die relevanten Daten, um die Lieferkette zu optimieren.

Efficient Consumer Response: "ECR strebt die bestmögliche Orientierung des Handels an die Kundenwünsche an. Dazu ist es erforderlich, sämtliche Geschäftsprozesse entlang der Wertschöpfungskette vom Zulieferer und Hersteller bis zum Handelsunternehmen und Konsumenten zu optimieren", erklärt Malcher. Die über smart labels und Kundenkarten gesammelten Daten über das gekaufte Produkt, den Kaufpreis und das Verkaufsdatum werden verarbeitet und zur Steuerung von Bestellungen und Bevorratung, zur Gestaltung der Verkaufsförderung und zur gezielten Personaleinsatzplanung genutzt.

Data Warehouse: Data Warehousing bezeichnet den Prozess der Bündelung aller ermittelten Daten in einem zentralen Informationssystem im Unternehmen, um durch schnellen Zugriff auf gebündelte und strukturierte Informationen umfassende Analysen zu ermöglichen. Ein klassischer Einsatzbereich für Informatiker, da häufig Schnittstellen- und Kompatibilitätsprobleme zu beheben seien, verdeutlicht Malcher. Damit Technik und Handel miteinander kommunizieren könnten, würden aber nicht nur reine EDV´ler benötigt, sondern vor allem Informatiker mit Kenntnissen über die zentralen Handelsprozesse, betont der HDE-Bildungsspezialist.

Die zunehmende Verflechtung von Handel und IT werde Netzwerktechnikern, Fachinformatikern, IT-Systemkaufleuten und Informatikkaufleuten eine Karriere im Handel ermöglichen, zählt Malcher auf. Der Supermarkt der Zukunft könnte zudem - sollte er sich durchsetzen - die Eintrittskarte in den Beruf für Informatik-Studenten werden, die dort als IT-Berater und -Anwender künftig ihre Studienbezüge aufbessern. Gute Chancen im Handel dürften Malcher zufolge aber auch Quereinsteiger mit entsprechenden IT-Fortbildungen haben. Alles in allem gelte für Informatiker auch im Handel das ungeschriebene Gesetz, "dass der Beruf ohne ständige Erweiterung des Wissens nicht konkurrenzfähig ist."


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